Idenity Graphic
Vorwort
Leben und Werk
Werkverzeichnis
Die Familie
Quellen

Horst Heidermann

LEBEN UND WERK7

Unvollständig muss sie immer noch bleiben, die Biographie des in Muffendorf (seit 1914 Godesberg-Muffendorf) geborenen Malers. Es gibt außer seinen Bildern keine eigenen Zeugnisse, keine Korrespondenz, keine Aufzeichnungen, nichts. Sein Leben muss also nach wie vor aus seinen Werken und aus „Fremd“-Dokumenten rekonstruiert werden, aus Urkunden, Erinnerungen. Wichtige Vorarbeiten dazu leisteten Julius Söhn und auf der Grundlage des von ihm gesammelten Materials Walter Cohen und Walter Holzhausen.8 Bereits im Jahre 1914 hatte Söhn seinen ersten Brief „An das löbl. Standesamt Muffendorf b. Godesberg“ geschrieben und nach dem Geburtsdatum des „Peter Schwingen geboren wahrscheinlich in den Jahren 1815-1818“ geforscht.9

-----------------------

Herkunft

Die bäuerliche Sippe der Schwingens lässt sich in Muffendorf seit dem 18. Jahrhundert nachweisen. Sicher ist sie wesentlich älter. Johannes Schwingen, der 1710-1722 als Pächter eines Hofes des Cassius-Stiftes, Bonn, erwähnt wird, ist der Ur-Urgroßvater des Künstlers. Seine Söhne, vor allem Heinrich der Urgroßvater, und Theodor (Dietrich) tauchen in der ersten Hälfte des Jahrhunderts immer wieder in den Muffendorfer Kirchbüchern auf und sorgen in jeweils zwei Ehen für Nachwuchs. Theodor und sein Sohn Johannes bleiben Pächter des Cassius-Stiftes mindestens bis 1770, wahrscheinlich aber bis 1782 (üblicher Pachtvertrag über 12 Jahre).10
Mathias Schwingen, ein Urenkel des Johannes, erwirbt aus säkularisiertem Kirchengut allerdings nicht den Hof des Cassius-Stiftes, sondern über den bisherigen Pächter, seinen Schwiegervater Anton Kick, die Wattendorfer Mühle; wie es hieß mit dem Geld, das er als Soldat Napoleons verdient hatte. Auf der Mühle lebten seine Nachkommen bis 1900. 11 Über Johannes und seine Söhne sind mehr oder weniger alle Schwingens des 18., 19. und 20. Jahrhunderts miteinander verwandt – wenn oft auch kaum noch nachvollziehbar. Immer wieder haben einige, oft wenige Sprösslinge die in Muffendorf so gefürchteten Scharlach- und Diphterie-Epidemien überstanden. Maler sind allerdings vor 1813 nicht überliefert.

Das ändert sich mit Peter Schwingen. Die Eltern sind Peter Joseph Schwingen und seine Frau Caroline Franziska Antoinette Nicolai. Elternschaft und auch Geburtsjahr des Malers wurden lange falsch angegeben (1815 statt richtig 1813). So auch von Alfred Wiedemann in seiner Geschichte Bad Godesbergs. 12 Die Aufklärung erfolgte erst im Zusammenhang mit der Jahrhundertausstellung des Rheinlandes 1925, auf der neun Bilder Peter Schwingens ausgestellt wurden. Zunächst vermutete man, aufgrund eines Briefes des Muffendorfer Pfarrers Kastert an den Düsseldorfer Kunsthistoriker Dr. Walter Cohen, damals Leiter der Gemäldegalerie der Stadt Düsseldorf, dass Schwingen zwar 1813 geboren, aber erst 1815 getauft worden sei. Cohen ordnet auch dem Maler immer noch die falschen Eltern zu.13

Nun aber ging die Initiative auf Bürgermeister Zander in Godesberg über. Er hatte das Buch von Walter Cohen über „Hundert Jahre Rheinischer Malerei“ gelesen und beschlossen, sich dem Maler in seiner Heimatstadt zu widmen. So begann er, in Muffendorf zu forschen und bald stellte sich heraus, dass ältere Muffendorfer und entfernte Verwandte wohl Bescheid wussten. So wurde von dem Angestellten auf der Godesberger Post Josef Stings 14 und dem Weinhändler Heinrich Raaf sen.15 auf das richtige Elternpaar und damit natürlich auch auf das richtige Geburtsdatum hingewiesen. Das Godesberger Standesamt bestätigte ihre Aussagen. Die Geburtsurkunde der damals noch französischen Godesberger Verwaltung brachte Klarheit. Nach dieser Urkunde sind Peter Josef Schwingen und seine Frau Caroline die Eltern. Die Geburt war am 14. Oktober 1813.

Der Beruf des Vaters wird mit "Garde-champêtre", Feldhüter, angegeben; eine Art ländlicher Hilfspolizist. Jedenfalls schlecht bezahlt. Die Entlohnung musste von den Eigentümern der Felder als Zuschlag zur Grundsteuer aufgebracht werden.



Geburtsurkunde des Peter Schwingen, Standesamt Bad Godesberg

Sie betrug noch 1852 nur 30 Taler jährlich. Wenn der Feldhüter auch die Aufgaben des Nachwächters übernahm, konnte er weitere 30 Taler kassieren. Erst 1859 wurde das Gehalt des Feldhüters auf 60 Taler erhöht.16 Peter Joseph Schwingen war demobilisierter Soldat Napoleons. Schwingen war, mit Peter Rieck, auch als gerichtlich vereidigter Taxator für Grundstücke tätig, was etwa bei Erbteilungen, Verkäufen und Kreditaufnahmen eine große Bedeutung hatte. 17 Ortsvorsteher oder Mitglied des Gemeinderates war er allerdings, soweit wir feststellen konnten, nicht, obwohl das gelegentlich berichtet wird. Im Gemeinderat wirkte hingehen seit dessen Errichtung 1846 bis 1861 Johann Peter Schwingen, ein entfernter, wesentlich wohlhabenderer Verwandter.

Dank der Unterlagen der französischen Verwaltung können wir noch einiges mehr über die Eltern erfahren. Der Vater besaß ein eigenes Haus und etwas Land in Muffendorf. Er wohnte auf der heutigen Muffendorfer Hauptstraße in der Höhe des jetzigen Hauses Nr. 36 (damals Auf der Gassen 95) in einem Fachwerkhaus, das bereits 1759 in Ehmanns Flurkarte eingezeichnet ist18, allerdings um die Jahrhundertwende abbrannte und größtenteils durch einen Neubau ersetzt wurde.19 Schon 1925 hatte Käthe Stings geschrieben: „Die elterliche Wohnung befand sich auf der jetzigen Hauptstraße Nr. 36, und von dem alten Hause, das allerdings jetzt neu aufgebaut ist, bestehen noch einige Wände, welche jetzt noch mit verblassten Malereien seines ersten Könnens bedeckt sind.“ 20

Wie waren die Lebensverhältnisse der Familie, deren zweites Kind der Maler war? Das Grundstück ist klein, umfasst 224 qm. Unmittelbar angrenzend gehören zum Haus zwei Baumgärten (Bungerte) mit 356 und 68 qm. Der gesamte Grundbesitz des Peter Josef Schwingen betrug 11756 qm, etwas weniger als vier Morgen. Davon waren aber ca. zwei Morgen Buschland. Nur 4000 qm waren Ackerland und vom wertvollen Weinland waren nur 1339 qm vorhanden. Ob dieser kleine Grundbesitz und die Einkünfte als Feldhüter genug für den Unterhalt der Familie hergaben, wissen wir nicht. Vielleicht hatte man weiteres Land hinzugepachtet. Es ist aber jedenfalls nicht üppig zugegangen im Hause Schwingen. Wenn wir zum Vergleich einmal den Grundbesitz des bereits erwähnten Mathias Schwingen heranziehen, so besaß er, der ja im Hauptberuf zudem Müller war, zusammen rund neun Morgen Land, davon allein 6002 qm Weinberge.

In ländlichen Gesellschaften mit fränkischer Erbteilung, also Aufspaltung des Erbes, gibt es eigentlich nur ein probates Mittel, der immer weiteren Zersplitterung des Grundbesitzes entgegenzuwirken. Es ist die Praxis, immer wieder untereinander im Dorf zu heiraten und so die unheilvollen Wirkungen der Erbfolge wieder auszugleichen. Vater Schwingen konnte oder wollte anscheinend diesen Weg nicht gehen. Er war wohl für die Töchter wohlhabender Muffendorfer Bauern keine gute Partie. Er heiratet also 1810 eines Wirtes Töchterlein aus Godesberg: die schon erwähnte Caroline Nicolai. Frisches Blut kommt nach Muffendorf! Die junge Frau war bereits Witwe. Sie war in erster, nur siebenmonatiger Ehe mit dem Forstaufseher Anton Joseph Maria Wentzel, einem „Garde-forestier“, – quasi die Wald-Version des Feldhüters – verheiratet gewesen, der im Forsthaus Venne wohnte. Die Familie Nicolai stammte aus Eupen. Sie scheint sich gewisser Beziehungen in Godesberg erfreut zu haben. So war Trauzeuge bei der ersten Ehe der jungen Caroline jener Sebastian Blinzler, dem der letzte Kurfürst Max Franz vor dem Einzug der Franzosen 1794 die Gästehäuser Prinz von Coburg und Prinz von Oranien an der heutigen Kurfürstenallee mit Stallungen, Remisen, Gartenland usw. zur Bewirtschaftung schenkte.21 Daraus entstand das weit über Godesberg hinaus bekannte Hotel Blinzler. Die Verbindung zu Blinzler und damit zum kurfürstlichen Hof ist insofern interessant, als sie eine Pressemeldung von 1926 zu bestätigen scheint, wonach der Vater der Caroline, Lambert Nicolai, vor seine Betätigung als Wirt Diener beim Kurfürsten Max Franz gewesen sei.22 Die Großmutter Gertrud Nicolai geb. Hilgers, stammte aus Morenhoven. Sie lebte noch bis 1849 und wurde von Peter Schwingen in einem seiner schönsten Porträts gemalt (WVZ 64). Sie wurde auf dem Burgfriedhof in Godesberg begraben.23 Nach Raaf war auch Peter Schwingen bei der Beerdigung anwesend. Danach sei er nie wieder nach Muffendorf gekommen.24

Als der spätere Maler in Muffendorf das Licht der Welt erblickte, stand die so genannte „Völkerschlacht“ bei Leipzig kurz bevor. Am 31. März 1814 zogen die Verbündeten bereits in Paris ein. Es wird nicht lange gedauert haben, bis die Kunde davon nach Muffendorf durchdrang. Der Schlacht bei Waterloo folgte der Wiener Kongress und dieser schlug die Länder am Rhein Preußen zu, obwohl sich dieses lieber ganz Sachsen einverleibt hätte. Die Rheinländer liebten die meist protestantischen Preußen und ihre Ordnung und Disziplin nicht besonders. Vielerlei Spannungen zwischen den neuen Machthabern und den Menschen der Rheinprovinz waren die Folge. Auch Peter Schwingen sollte davon spüren.

Diese Spannungen wurden überlagert von einer anderen Entwicklung, die mit der Enttäuschung über das nicht eingelöste Verfassungs-Versprechen des preußischen Königs und mit der reaktionären Entwicklung in Deutschland zusammen hing und immer deutlicher die liberalen Forderungen artikulierte. Als Schwingen 1831 nach Düsseldorf kam, waren die ersten Anzeichen des „Vormärz“ erkennbar. 1837 sorgte die Amtsenthebung der „Göttinger Sieben“, der sieben Professoren der Universität, die gegen den Verfassungsbruch durch den König Ernst August von Hannover protestiert hatten, für ein weites Echo.

Auf der anderen Seite taten die neuen preußischen Herren einiges zur Integration der neuen Provinzen in das Königreich. In Bonn wurde die Universität gegründet. In Düsseldorf wurde die alte Großherzogliche Kunstakademie wieder belebt. Zunächst unter dem Rheinländer Peter Cornelius, dann unter dem „Ostländer“ Wilhelm Schadow gelangte sie bald zu Ruhm und Ansehen und viele Kunstjünger aus Deutschland und zunehmend auch aus dem Ausland strömten an die Kunstschule. Das notorische Notstandsgebiet der Eifel wurde durch Eisenbahnen erschlossen und vor allem durch die preußische Forstverwaltung kultiviert.

In der Bürgermeisterei Godesberg, zu der auch Muffendorf als selbständige Gemeinde gehörte, wurde der Maire aus der Franzosenzeit, Engelbert Kamp, durch Männer abgelöst, die den neuen Herren genehm waren. Nach kurzen Zwischenspielen wurde 1818 Wilhelm Hugo Franken aus Poppelsdorf Bürgermeister. Als seinen Gehilfen brachte er ebenfalls aus Poppelsdorf Hubert Mathonet mit, der dann auch 1841 sein Nachfolger werden sollte. Für das neue Amt hatte sich Franken als Freiwilliger der „Befreiungskriege“ qualifiziert. Er war Oberleutnant und Kompagnieführer der Rheinischen Landwehr gewesen und hatte das Eiserne Kreuz erhalten. Sein ältester, 1818 in Oberbachem geborener Sohn Paul wurde als Maler Paul von Franken bekannt und war später Trauzeuge bei der zweiten Ehe des Peter Schwingen in Düsseldorf.25

Zurück nach oben

-----------------------

Ausbildung an der Düsseldorfer Akademie

Für den jungen Mann aus Muffendorf waren zunächst andere Dinge wichtiger als der Machtwechsel am Rhein und seine Folgen. Es ging um seinen zukünftigen persönlichen Lebensweg. Schwingen wollte der Kümmerexistenz des väterlichen Umfeldes entfliehen. Sein erkennbares malerisches Talent bot eine Möglichkeit. Der Schritt in die alte bergische Hauptstadt war ein Weg aus dörflicher Enge und Beschränktheit. Zum Wunsch nach mehr persönlicher Freiheit und mehr Wohlstand trat aber nicht nur bei Schwingen bald auch das Streben nach einer freieren gesellschaftlichen Entwicklung hinzu.

Besonderes, auch heimatgeschichtliches Interesse fand die Frage, wie wohl der Junge aus Muffendorf, Sohn eines armen Kleinbauern und Feldhüters, den Weg auf die Akademie nach Düsseldorf gefunden habe. Allerlei Legenden ranken sich um diesen ungewöhnlichen Aufstieg. Eine Prinzessin hatte offenbar die Hand im Spiel. Aber welche?

Zurück nach oben

-----------------------

Die falsche Prinzessin

Da schien es einen Hinweis zu geben: Im Jahre 1840 schuf der Düsseldorfer Kunstschüler Peter Schwingen, damals schon in der 1. Malklasse und Schüler Schadows, die Kopie eines Gemäldes seines Lehrers: die „Prinzessin Wilhelmine Luise von Preußen“. Diese war verheiratet mit Prinz Friedrich von Preußen (1797-1888), der als Kommandeur der 14. Preußischen Infanteriedivision nach Düsseldorf gekommen war und damit quasi die neue Hohenzollernsche Dynastie in der alten bergischen Hauptstadt vertrat. Diese Prinzessin stammte aus dem Hause Sachsen-Anhalt, war selbst künstlerisch interessiert und studierte auch an der Kunstakademie. So lag es nahe, sie als die Patronin des jungen Malers aus Muffendorf anzusehen; denn Wolfgang Hütt hatte aufgrund von damals in der DDR lagernden Akten berichtet, dass die „Prinzessin Wilhelmine von Preußen“ ihn zu einem Stipendium vorgeschlagen habe. Zwar ließ sich nicht aufklären, wieso die Prinzessin von dem Muffendorfer etwas hatte hören können, aber Lücken im Lebenslauf des Malers gab es gerade in der frühen Zeit ja reichlich.26

Inzwischen hat sich aufgrund einer Prüfung der von Hütt zitierten Quelle herausgestellt, dass diese Annahme auf einem Lesefehler von Hütt beruhte. Hütt hatte die Prinzessin „Wilhelm“, wie es im Originaldokument 27 eindeutig heißt, in eine Prinzessin „Wilhelmine“ verwandelt. Das sind aber nun aber zwei bemerkenswert verschiedene Personen. Während die Wilhelmine Luise aus Düsseldorf eine zwar liebenswürdige, aber sonst wenig hervortretende Persönlichkeit war, bedeutete „Prinzessin Wilhelm“ nicht mehr und nicht weniger als die Gemahlin des Prinzen Wilhelm (1797-1888), des späteren Königs von Preußen und deutschen Kaisers, die Kaiserin Augusta (1811-1890)!

Prinz Wilhelm war der zweite Sohn des Königs Friedrich III. Ab 1840 wurde er von seinem Bruder, dem König Friedrich Wilhelm IV., der keine Kinder hatte, offiziell als eventueller Nachfolger und „Prinz von Preußen“ nominiert. Seine Frau aus dem Hause Sachsen-Weimar hatte der Prinz von Preußen 1829 geheiratet, nachdem sich die von diesem angestrebte Liebesheirat mit einer nicht standesgemäßen Dame aus gleichwohl adeligem Hause, der Prinzessin Elisa Radziwill, aus dynastischen Gründen zerschlagen hatte. Seiner nunmehr Angetrauten hatte der Prinz geschrieben, sie wisse ja, dass er eine andere liebe, die er nicht heiraten könne, er werde ihr, der Prinzessin Augusta, aber immer mit Respekt begegnen. Daran hielt er sich in der immerhin fast sechzigjährigen Ehe. Augusta war die Enkelin des Großherzogs Carl August von Sachsen Weimar-Eisenach und dachte in den Leitlinien, die ihr die Erziehung in einem liberalen und weltoffenen Adelshause mitgegeben hatte. Die Förderung der Literatur und der bildenden Kunst betrieb sie mit Engagement und als Verpflichtung.

Als es infolge der französischen Julirevolution auch in Rhein-Preußen zu Unruhen kam (Eupen, Malmedy, Aachen, Köln, Elberfeld), sah man sich in Berlin zu besonderen Maßnahmen genötigt. Die Forderung zum Anschluss an Frankreich war hier und da wieder einmal aufgetaucht. Darauf reagierten die Preußen besonders allergisch. Zusätzliche Truppen wurden nach Köln und Aachen verlegt. Am 24. September 1830 wurde Prinz Wilhelm zum Generalgouverneur von Rheinland-Westfalen ernannt. Im Zuge der Vorbereitung auf die neue Aufgabe, machte er Reisen durch das Gebiet und besuchte am 9. September 1830 auch Bonn.28 Der Prinz sollte nicht nur Erkunden und schnelle Entscheidungen – falls sie notwendig wurden – erleichtern, vor allem sollte er Präsenz zeigen und durch positive Maßnahmen die Bevölkerung für Preußen mehr als bisher motivieren. Allerdings konnte er infolge einer Erkrankung seinen neuen Posten erst im Dezember 1830 antreten. Amtssitz des Generalgouverneurs war die Festung Köln.29

Ein Junge aus Muffendorf sollte davon profitieren: Ein weiterer, offizieller Besuch des Prinzen Wilhelm in Bonn, nunmehr als Gouverneur, schloss sich am 30. Mai 1831 an. Diesmal war auch die damals 19-jährige Prinzessin dabei.30 Wir erfahren das aus der letzten Strophe eines Huldigungsgedichtes, das beim „Festmahle“ für die hohen Herrschaften im Boeselager Hof vorgetragen wurde. Ein Ball, auf dem der Prinz und seine Frau bis Mitternacht blieben, beendete den Tag. Die hohen Herrschaften wohnten mit Gefolge im Hotel Stern. 31 Eine wichtige Rolle spielte neben dem Oberbürgermeister und dem Rektor der Universität bei den Vorbereitungen und auch beim Ablauf des Besuches Freiherr von Fürstenberg, war er doch als Reichsfreiherr der ranghöchste katholische Adelige in Bonn. Allerdings hatte er erst im Februar 1830 das später so genannte Fürstenberg’sche Palais, heute Hauptpost, von dem Chirurgen von Walther erworben. Aber: Welcher Fürstenberg war nun der Käufer? Vermutlich um 1820 hatte Friedrich Leopold Freiherr von Fürstenberg, wohnhaft zu Eggeringhausen im Sauerland, die Muffendorfer Kommende gekauft,32 Pächter blieb aber anscheinend zunächst der bisherige Eigentümer Gottfried Schmitz. Friedrich Leopold von Fürstenberg starb 1835 und vermachte die Muffendorfer Kommende seinem jüngsten Sohn Carl Joseph Freiherr von Fürstenberg, geboren am 26. April 1810, der am 11. Juli 1839 Maria Felicitas Reichsgräfin von Wolff-Metternich in Düsseldorf heiratete. Der Erwerber des Bonner Palais war ein Enkel von Friedrich Leopold, nämlich Franz Egon von Fürstenberg (17971859), der später den Grafentitel erlangte und sich nun Graf von Fürstenberg-Stammheim, nach seinem Wohnsitz in der Nähe Kölns, nannte. In den Bonner Unterlagen ist sein Schriftzug „FE RfrvFürstengberg“ entzifferbar. Franz Egon war der Sohn Theodors, einem der insgesamt fünf Söhne des Friedrich Leopold. Der spätere Besitzer der Kommende war also sein (dreizehn Jahre jüngerer) Onkel. Auch zum „Festmahle“ hatte sich „Fürstenberg“ angemeldet und vermutlich war er als Reichsfreiherr in unmittelbarer Nähe der hohen Herren placiert worden. Leider ist aber keine Sitzordnung überliefert und über die Tischgespräche wissen wir natürlich nichts.

Vermerkt sei aber, dass Franz Egon anscheinend ein kunstsinniger Mann war, der 1836 auch den Weinberg auf dem Apollinarisberg bei Remagen samt Kirche und Probstei von den Brüdern Boisserée kaufte und dort aus seinen privaten Mittel den Bau der (neuen) Apollinariskirche, deren Ausmalung und den Klosterbau daneben finanzierte.33 Die vom Dombaumeister Zwirner erbaute Kapelle wurde von Schülern Schadows ausgemalt und zählt heute noch zu den Schmuckstücken der Neugotik und der spätnazarenischen Malkunst.

Der Besuch des Prinzen und der Prinzessin in Bonn war im Mai 1831. Seit dem 13. Oktober 1831, einen Tag vor seinem 18. Geburtstag, wohnte der Junge aus Muffendorf in Düsseldorf.34 Was war inzwischen geschehen?

Die Urkunde vom 14. Dezember 1831 im Geheimen Staatsarchiv teilt folgendes mit: „Ihre königliche Hoheit die Frau Prinzessin Wilhelm von Preußen hatten persönlich dringend einen jungen Zeichner, Peter Schwingen aus Muffendorf, Regierungsbezirk Cöln, dem unterzeichneten Oberpräsidenten zur Aufnahme in die Kunstschule und, da er ganz vermögenslos, zur Unterstützung empfohlen.“ Der unterzeichnete Oberpräsident Philipp von Pestel war seit Juli 1831 im Amt, wodurch sich die Intervention der Prinzessin leicht auf die Zeit nach dem Besuch in Bonn eingrenzen lässt. Das Kuratorium der Kunstakademie ging der Sache sofort nach und stellte fest, dass Schwingen ein Anfänger sei, über dessen Talent erst etwas nach einem fachlichen Zeichenunterricht entschieden werden könne. Die Akademie stellte eine Freistelle in Aussicht, der Regierungspräsident in Köln wurde um Unterstützung gebeten. Dieser hatte aber kein Geld frei. So gewährte die Akademie, um dem jungen Mann zu helfen und dem Wunsche seiner hohen Gönnerin entsprechen zu können, aus eigenen Mitteln ein Stipendium von 50 Talern und zwar in zwei Raten. 25 Taler sollte er beim Eintritt in die Schule erhalten und die restlichen 25 dann, wenn er sich nach Ablauf eines halben Jahres durch ein Attest des Direktors über seinen Fleiß, seinen Beruf und sein Betragen vorteilhaft ausweisen könne. Diese ganze umständliche Darlegung in der Akte dient dem Direktorium der Akademie und dem Oberpräsidenten nur zur Klärung der Frage, wie denn nun im Haushalt der Akademie die im Grunde ohne Genehmigung ausgegebenen 50 Taler verbucht werden sollen. Unterschrieben haben der Oberpräsident von Pestel, der Vorsitzende des Kuratoriums der Akademie Georg Jacobi und der zuständige Regierungssekretär Dr. Fallenstein. In Berlin entscheidet das Ministerium der Geistlichen, Unterrichts- und Medizinalangelegenheiten im Januar 1832, dass das Geld im Titel „Insgemein“ (heute etwa „Allgemeine Ausgaben“) für 1831 und 1832 verbucht werden könne, „macht aber dem Kuratorium zur Pflicht, die zweite Hälfte nur dann anzuweisen, wenn der Bericht der Akademie über die Anlagen, gute Fortschritte und das Betragen die Berechtigungswürdigkeit außer allen Zweifel stellt“. Nach offenbar erfolgreicher Zeichenausbildung in Düsseldorf ab Herbst 1831 wird Schwingen nach einem Jahr, im 3. Quartal 1832, in die Vorbereitungsklasse der Akademie aufgenommen und erhält glänzende Noten.

Zur Ergänzung dieses Ablaufes kann noch ein Brief des Muffendorfer Weinhändlers Heinrich Raaf an Bürgermeister Zander vom 9. Mai 1925 herangezogen werden. Zander hatte sich an Pfarrer Dr. Herkenne gewandt, um im Zuge der Vorbereitung des Heimatmuseums mehr über den Maler Peter Schwingen zu erfahren.35 Der Pfarrer hatte geantwortet, dass Raaf und Joseph Stings aus Muffendorf Material über Schwingen gesammelt hätten. Diese behaupteten, dass eine „geborene Nicolai“ die Mutter gewesen sei, was aber ja nicht stimmen könne. Nun, in weltlichen Dingen können auch Pfarrer irren. Zander wurde nun seinerseits aktiv und erhielt Antwort von Raaf und von Käthe Stings. Raaf wusste von einer Begegnung mit einem „Herrn“ zu berichten, der Schwingen beim Zeichnen beobachtet habe, als dieser etwa 16 Jahre alt in der Landwirtschaft seines Vaters arbeitend, im Felde gezeichnet habe. Dieser Herr habe dann für die weitere Ausbildung Schwingens gesorgt. Das wäre also im Jahre 1829 oder wahrscheinlicher im Jahre 1830 gewesen. Das Treffen habe am Meelweg stattgefunden.36 Hier wäre demnach das freilich etwas vage formulierte „missing link“.

Da die „Prinzessin Wilhelm“ bis 1831 nur einmal in Bonn gewesen ist, nämlich bei dem erwähnten „Antrittsbesuch“ des Prinzen, bleibt eigentlich nur die Schlussfolgerung, dass dieser Besuch von Fürstenberg genutzt wurde, den Namen Schwingen ins Gespräch zu bringen. Ob er selbst bei einem Besuch in Muffendorf oder über einen Verwandten von der Existenz dieses hoffnungsvollen Adepten der Mal- und Zeichenkunst erfahren hatte, wissen wir natürlich auch nicht.

Schwingen war also ein reiner Autodidakt, als er nach Düsseldorf kam. Die Muffendorfer Dorfschule, einklassig, der Lehrer war gleichzeitig Küster des Dorfes, hatte ihm wohl auch nicht viel vermitteln können. Das Schulhaus ist schon auf den erwähnten französischen Karten ausgewiesen. 1820 wurde ein zweites Schulhaus errichtet. In der alten Schule, heute Martinstr. 5, hatte es nur das Schlafzimmer des Lehrers und einen weiteren Raum für den Unterricht, gleichzeitig Wohnzimmer des Lehrers, gegeben. Der Schulbesuch war schlecht. Im Sommer kamen vielleicht 25 Prozent der Kinder zur Schule.37 Bisher sind von Schwingen keine Genrebilder aus der Schulmilieu aufgetaucht, etwa in der Art des Schulmeisters Jobs bei Johann Peter Hasenclever, mit dem Schwingen später in Düsseldorf befreundet war.

In Düsseldorf wurde Schwingen zunächst mit Vorschußlorbeeren bedacht. Als Teilnehmer der Vorbereitungsklasse wird er von Carl Ferdinand Sohn wie folgt beurteilt: Anlage: „Sehr gut“, Fleiß: „Vortrefflich“.38 Obwohl ihm zunächst aus Mangel an Mitteln im Jahre 1833 kein Stipendium bewilligt werden konnte, ergibt sich im Oktober noch eine Lösung. Er erhält 50 Taler, die unvorhergesehen frei geworden sind.39 Bereits im Studienjahr 1833/34 wechselt er in die II. Klasse der Maler (Lehrer: Ferdinand Theodor Hildebrandt). Anlage und Fleiß werden weiter mit „Sehr gut“ bewertet. Jetzt wird auch das Stipendium vermerkt. Bald aber trübt sich das Bild.

Im Studienjahr 1834/35 wird zwar wieder ein Stipendium angezeigt (nur 6 von 33 Schülern der zweiten Klasse erhalten ein solches), aber unter Fleiß steht „Schlecht“ und außerdem enthält die nach Berlin gesandte Liste den Vermerk: „Hat sich nach den Herbstferien (1834 HH.) ohne Entschuldigung 5 Wochen lang nicht eingefunden“. Stipendium ade! Die Akademieleitung schrieb am 24. Februar 1835 an das zuständige Ministerium nach Berlin: „Da er nach den Bemerkungen in der mittels besonderen Berichts eingereichten Schülerliste (Nr. 15 der Malervorbereitungsklasse) sich als unfleißig gezeigt hat, so wird ihm eine fernere Unterstützung nicht zu bewilligen sein“.40 Man muss der Akademie zugestehen, dass sie zwar Schwingens Fleiß mit „sehr schlecht“, aber gleichzeitig seine Anlage mit „sehr gut“ beurteilt.

Es blieb allerdings nicht bei diesen Konsequenzen. Neben dem Stipendium verlor Schwingen auch seinen Arbeitsplatz im Akademiegebäude. Dort waren die Raumverhältnisse äußerst beengt und die Akademie hatte deswegen schon 1832 die Neuaufnahmen begrenzt. Außer Schwingen war auch Caspar Scheuren zu spät zurückgekommen. Er verlor ebenfalls seinen Platz im Atelier des Akademiegebäudes an pünktlicher zurückkehrende Schüler. Sie kamen vor allem aus den östlichen Provinzen Preußens. Dieser Vorgang wurde Gegenstand einer ausgedehnten literarischen Fehde, als der bekannte Düsseldorfer Kunstfreund Anton Fahne ihn aufgriff und in einer Publikation als eines der vielen Beispiele für die Benachteiligung der Rheinländer gegenüber den „Ostländern“ hochstilisierte.41

Im Studienjahr 1835/36 ist die strenge Akademie gnädiger: Fleiß: „Geht an“, aber ein Stipendium gibt es nicht mehr. 1836 wird es dann wieder besser. Begabung: „Ausgezeichnet“, Fleiß: „Gut“, Betragen: „Gut“, Freischüler. Also wenigstens keine Schulgebühren. 1837 wird in der Rubrik Stipendium „arm“ vermerkt, was evtl. eine Freistelle nach Vorlage eines „Armutszeugnisses” bedeuten könnte.42 Danach gibt es in dieser Spalte keinerlei Eintragungen mehr, also weder Stipendium noch Freistelle. Schwingen scheint es finanziell jetzt besser zu gehen. Er verkauft seine Genrebilder und auch die ersten Porträts.

Zurück nach oben

-----------------------

Erste Erfolge und erste Heirat

Schwingen heiratete nach diesen ersten Erfolgen als Maler am 2. September 1837. Seine Frau Magdalene Philippine Schmitz war die Tochter eines Damenschneiders, der in seinem Haus in der Mühlenstraße auch Zimmer an die Eleven der nahe gelegenen Kunstakademie vermietete. Schwingen wohnte vermutlich dort zur Untermiete wie vor ihm (mit ihm?) auch Eduard Bendemann und Heinrich Mücke.43 Das junge Paar blieb nach der Heirat noch einige Jahre im Hause der Schwiegereltern. Aus der ersten Ehe gingen vier Kinder hervor. Als die erste Tochter Caroline Philippine – ihre bevorstehende Geburt war der unmittelbare Anlass der Heirat – früh verstarb, wurde sie im Familiengrab Schmitz beigesetzt. Das Grab auf dem Friedhof an der Clever Straße hatte einen Grabstein, was, wie auch der Hausbesitz, auf einen gewissen Wohlstand schließen lässt. Der Sohn Joseph Schmitz und die Töchter standen Schwingen für seine frühen Studien Modell (WVZ 5,6,7,52,53). Man könnte zu der Schlussfolgerung kommen, dass der Maler so seine Zimmermiete abarbeitete.

Die malerischen Erfolge setzen sich fort. Im Studienjahr 1840/41 wird Schwingen, 27 Jahre alt, in die I. Malklasse versetzt. Seine Anlage wird als „bedeutend“, Fleiß und Betragen werden als „ausgezeichnet“ benotet. Schadow selbst ist jetzt sein Lehrer. Das Porträt der Prinzessin Wilhelmine Luise von Preußen, als Kopie nach Schadow, entsteht (WVZ 54). Der junge Maler ist nun in der Spitzengruppe der Studenten, der ausübenden Eleven, freilich noch nicht in der Meisterklasse, in die nur bekannte Maler dann berufen wurden, wenn man sie an Düsseldorf und die Akademie auch nach Beendigung der Ausbildung noch binden wollte. Schon die von Schwingen gewählten Themen für seine Bilder hätten dies in jedem Falle verhindert. Sie waren sicher nicht im Sinne des Direktors. 1843/44 heißt es in den Akademieunterlagen: „malt jetzt ein Schützenfest mit Bauern“; 1843/44: „arbeitet des Erwerbs halber auswärts. Mehrere Genrebilder: Schießen um ein Schwein“ (WVZ 72, 73). So gerät denn auch die abschließende Beurteilung durch die Akademie etwas säuerlich (I. Klasse 1844/45): „Im 3. Quartal abgegangen. Seine Bilder haben etwas Kommunes, wozu die von ihm gewählten Gegenstände leicht hinreissen“.

Mit seinen dörflichen Genrebildern hatte Schwingen schon damals einen der Höhepunkte seiner künstlerischen Laufbahn erreicht. Die Akademieleitung konnte das wohl nicht erkennen. Über die Porträtmalerei von Schwingen war man sicher an der Spitze der Akademie ebenfalls informiert. Aber man betrachtete diese Brotkunst eher abfällig. Schadow erinnerte sich nur ungern an die Berliner Jahre mit der „Prinzessinnenmalerei“.




Familiengrab Schmitz auf dem Golzheimer Friedhof, heute nicht mehr vorhanden

Zurück nach oben

-----------------------

Künstlerleben in Düsseldorf

Allgemeiner Verein der Carnevalsfreunde

Schon bevor Schwingen nach Düsseldorf kam, war dort 1829 der Vorläuferverein des später größten Karnevalsvereins der Stadt gegründet worden.44 1840 wurde dann nach einigen Intermezzi ein neuer Verein gegründet, der sich nun „Allgemeiner Verein der Carnevalsfreunde“ nannte. Wir dürfen annehmen, dass der Maler aus dem heimischen Umfeld dem Karneval zugeneigt war und sicher bald mit anderen Freunden und sofern es seine Finanzen erlaubten, das Vereinslokal dieser Gesellschaft beim „langen Leim”, die Wirtschaft von A. H. Cürten in der Berger Straße, aufsuchte. Diese Karnevalsgesellschaft, obwohl allen politischen Richtungen offen, entwickelte sich bald zu einem Treffpunkt liberaler Düsseldorfer Bürger und Maler.

Wir finden unter ihren Mitgliedern neben dem konservativen Juristen, Historiker und Kunstmäzen Anton Fahne und dem Möbelfabrikanten Friedrich August von Stockum 45, den linksliberalen Advokat-Anwalt Hugo Wesendonck (1817-1900), später Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung, 1850 in Abwesenheit in Düsseldorf zum Tode verurteilt 46, ferner den ebenfalls liberalen Advokat-Anwalt Anton Bloem (1814-1884), der in Düsseldorf in Kunst-, Literatur- und Politikkreisen bestens bekannt war 47 und von dem deutsch-amerikanischen Maler Emanuel Leutze porträtiert wurde. Hinzu kam der bekannte Armenarzt Dr. Franz Reinartz, Mitglied des Vorparlaments und Reformkonservativer.48 Seit 1846 gehörte auch Wolfgang Müller von Königwinter 49 dem Vorstand des Vereins an. Laurentz Cantador, ein angesehener Kaufmann in Düsseldorf, der spätere Kommandant der Düsseldorfer Bürgergarde, war ebenfalls Mitglied.

Von den Düsseldorfer Malern nennen wir nur Andreas Achenbach, Lorenz Clasen 50, Ernst Fröhlich, Johann Peter Hasenclever 51, Carl Wilhelm Hübner 52, Paul Kiederich, Wilhelm Kleinenbroich, Carl Hilgers 53, Georg Saal 54, Adolf Schrödter, J. B. Sonderland und Franz Wieschebrink. Aus Unterlagen im Nachlass von Anton Fahne wissen wir, dass auch Peter Schwingen dem Verein angehörte.55 So meldet er sich 1846 zur großen Maskenredoute am 19. Februar 1846 im Cürtenschen Saal an. An dieser Maskenredoute nahm auch Seine königliche Hoheit Prinz Friedrich von Preußen teil. Es war einfach der Ball in Düsseldorf.

1847 gehörte Schwingen einem Ausschuss des Vereins an, der den Karnevalsball dieses Jahres vorbereiten sollte. Andere Ausschussmitglieder waren Anton Fahne (Vorstandsmitglied), der Apotheker von Baerle 56, der Maler Ernst Fröhlich (Vorstandsmitglied), der Wirt Wilhelm Eissenbarth (Vorstandsmitglied), die Maler Johann Peter Hasenclever, Carl Hübner, G. Saal, Johann Baptist Sonderland und Franz Wieschebrink Schließlich gehörten auch Romuald Jacobi, Enkel des von Schwingen Porträtierten Friedrich Heinrich Jacobi, und der bereits genannte Hugo Wesendonck dazu.

Im Vormärz geriet diese Karnevalsgesellschaft immer wieder in Konflikt mit der Polizei. So wurde ihr am 1. Februar 1844 die Konzession entzogen, die jährlich neu beantragt werden musste. Ein von Wilhelm Kleinenbroich im Auftrage des Vereins gemaltes Bild wurde von der Polizei beschlagnahmt. 1848 wurde die Konzession wegen der 1847 ernannten „Ehrenmitglieder”, darunter viele liberale und kritische Geister, der Demokrat Karl d’Ester aus Köln und die französische Schriftstellerin George Sand, erst gar nicht erteilt. Schwingen dürfte im Kreis dieser Karnevalsgesellschaft die politische Orientierung gefunden haben, die in Herkunft und Aufstiegsstreben des armen Dorfjungen bereits angelegt war.

Zurück nach oben


Anti-Musik-Verein

Mit einigen Mitgliedern des Vereins und auch der späteren Künstlergruppierungen wie „Verein Düsseldorfer Künstler“ und „Künstler-Verein Malkasten“, war Schwingen noch besonders durch einen Stammtisch des „Anti-Musik-Vereins“ verbunden. Damit war m. E. schon in der Namensgebung deutlich, dass man die Philister und die Maler, die mit ihnen „gemeinsame Sache“ machten in diesem Kreis nicht zu sehen wünschte. Der „Allgemeine Musikverein“ war in Düsseldorf seit 1818 wichtiger Motor der Niederrheinischen Musikfeste. Das selbstbewusste Liebhaber-Ensemble meist gutbürgerlicher Musiker und Musikfreunde war seit der Zeit Friedrich August Burgmüllers und Felix Mendelssohn-Bartholdys wichtiger und ständiger Partner der städtischen Musikdirektoren und für viele Maler nicht nur ein Ort, um ihrer Musikliebe Ausdruck zu verleihen, sondern auch, um die Bekanntschaft wohlhabender Düsseldorfer Bürger oder ihrer Töchter zu machen, die als Käufer, Auftraggeber oder zukünftige Schwiegerväter und Ehefrauen in Frage kamen. Bekannte Maler gehörten dem Verwaltungsausschuss des Vereins an. 1847 wurde – nach Julius Rietz – Ferdinand Hiller städtischer Musikdirektor. Als Hiller nach Köln ging folgte dann 1850 bis 1854 Robert Schumann.

Anton Fahne gibt allerdings in seiner Darstellung des Carnevals eine andere Deutung des Namens.57 Er schreibt: „Keine Stadt der Welt hat, im Verhältnis, so viele heitere Gesellschaften als Düsseldorf.“... „Den Antimusikverein, deshalb so genannt, weil er keine herumziehende Bänkelsänger, Orgeldreher etc. duldet, und das Geld statt dessen für Arme verwendet. Zu diesem Ende läßt man an manchen Tagen eine geschlossene Büchse herumgehen, in welche jeder nach Belieben sein Scherflein hineinlegt. Die Gesellschaft kommt täglich abends von 8-10 in einem Locale bei einem Glase Bier zusammen. Komische Lieder werden gesungen, scherzhafte Fragen aufgeworfen und allerhand Exercicien ausgeführt, z. B. wird das ganze Exercicium eines Infanteristen durch geschicktes Behandeln der Bierglasdeckel täuschend nachgeahmt; man macht unter dem Titel: Beethoven’sche Symphonien, Musik, wobei allerhand Mundfertigkeiten, die über den Tisch schnarrenden Finger, der Ofenschirm und die Feuerzange sowie andere ähnliche Gegenstände die Instrumente bilden, mit denen man höchst spaßhafte und dabei Bewunderung erregende Sachen aufführt. Mitunter treten Unterhaltungen mit Marionetten ein, Verloosungen von allerhand scherzhaften Gegenständen, wobei die Loos-Einnahmen in die Armenkasse fließen.“ Da Fahne keine andere der Düsseldorfer Gesellschaften so ausführlich schildert, darf man annehmen, dass er zu den Mitgliedern gehörte. Ganz so ernst wurde aber die Enthaltung von jeglicher Musik wohl nicht genommen. Im Januar 1850 lud der Verein zu einem „Großen Kabliau-Essen mit Orchesterbegleitung“ ein.58

Dem Stammtisch mit offiziellem Sitz im „Geburtshaus“ Heines gehörte auch Johann Peter Hasenclever als wichtiges Mitglied an. So wird es denn auch kein Zufall gewesen sein, dass – wie Gottfried Keller berichtet – 1850 anlässlich eines Geburtstages von Hasenclever die fröhliche Festgesellschaft im Hause eines Musik- und Gesangsvereins die Zylinder der Mitglieder an der Garderobe zertrümmerte.59

Zur Geburt des zweiten Kindes von Hasenclever, des Sohnes Peter, schickten die Freunde 1847 aus der Wirtschaft von Daniel Penke 60 in der Bolker Straße 467 an diesen ein Dokument, in welchem der Sohn, das „Häselein“, zum Ehrenmitglied des Vereins ernannt wurde.61 Das Dokument ist mit Scherenschnitten von Wilhelm Müller geschmückt, die zeigen, wie die Hasenfamilie den Armen Geld gibt, damit sie Kohlen und Brot kaufen können. Johann Wilhelm Preyer und Frau Meinardus 62 als Paten



Ehrenurkunde des Anti-Musikvereins für den Sohn Johann Peter Hasenclevers, 1847

danken dem Pfarrer für seine Bemühungen um den Täufling.63 Die lustige Gesellschaft geht davon aus, dass man im Geburtshaus Heines tagt. Es war keineswegs üblich im Düsseldorf der Zeit, darauf besonderen Wert zu legen. Ganz traf diese Behauptung auch nicht zu. Zwar war das Haus Bolkerstraße 467 von 1809 bis 1820 das Wohnhaus der Familie Heine gewesen, geboren wurde der Dichter aber im Hause gegenüber, Bolkerstraße 602 (580), heute Nr. 53.64

Diese freundschaftlichen Verbindungen, über die wir natürlich auch zu wenig wissen, könnten als Schlüssel mancher Entwicklungen auch bei Schwingen dienen. Hasenclever ist wie dieser im „Allgemeinen Verein der Carnevalsfreunde“, wie dieser Gründungsmitglied des „Vereins Düsseldorfer Künstler“ und wird dort in den Vorstand gewählt, wie dieser Gründungsmitglied des Malkasten und dort wiederum im Vorstand. Zwischen Hasenclever und Friedrich Sigmund Lachenwitz, einem der Trauzeugen von Schwingen bei seiner zweiten Ehe, bestanden freundschaftliche Beziehungen. Lachenwitz Schwester Emilie wurde 1842, vermutlich anlässlich der Verlobung mit Johann Wilhelm Preyer, von Hasenclever porträtiert. Zwischen den Gebrüdern Preyer und Hasenclever bestand eine enge Freundschaft. 1846 entstand das Porträt Johann Wilhelm Preyer von Hasenclever (heute Nationalgalerie Berlin) und 1853 das Bildnis Sigmund Lachenwitz (heute Stadtmuseum Düsseldorf). Hasenclever und Lachenwitz gehörten 1850 zu den Initiatoren der Aufnahme von Ferdinand Freiligrath in den Malkasten.

Als erster hat die Urkunde der Maler Carl Wingender unterschrieben, der später zeitweise in Elberfeld ein gemeinsames Atelier mit Richard Seel hatte. Zu den Mitgliedern des Anti-Musik-Vereins gehörte auch Carl Hilgers, den Hasenclever etwa 1850 porträtierte.65 Weiter ist die Unterschrift von Franz Wieschebrink, ebenfalls im Karnevalsverein, zu erkennen, der sich um diese Zeit dem humoristischen Genre zugewandt hatte und auch zu den Mitarbeitern der Düsseldorfer Monathefte gehörte. Er war später ebenfalls Gründungsmitglied des Malkasten.66

Auch der Scherenschneider Wilhelm Müller ist dabei. Seiner Unterschrift hat er als Erkennungszeichen eine Schere hinzugefügt. Müller wurde vor allem bekannt als Autor des im September 1848 entstandenen Scherenschnitts „Die Toten an die Lebenden“ aus Anlass der Verhaftung Freiligraths, wegen eben dieses Gedichtes. Auch Hasenclever war bekanntlich Freiligrath eng verbunden. Freiligrath wurde vom Geschworenengericht freigesprochen.67

Aber nicht nur Künstler sind vertreten. Neben anderen hat der Kaufmann Moritz Geisenheimer unterschrieben, der am 10. Mai 1848 als Nachfolger des in die Frankfurter Nationalversammlung gewählten Hugo Wesendonck Vorsitzender des „Vereins für demokratische Monarchie“ wurde. Dieser Verein war damals die größte politische Vereinigung Düsseldorfs mit über 2000 Mitgliedern. Er trat für eine konstitutionelle Monarchie bei starker Beschränkung der Rechte des Monarchen ein.68 Der Wirt und Bierbrauer Lorenz Esser, einer der Mit-Unterschreiber, gehörte wie der „Rentner“ Andreas Biergans, ebenfalls diesem Verein an. Ab 1849 wird er Mitglied des Stadtrats. In den Mai-Wahlen des Jahres 1848 konnte der Verein 17 von 19 Düsseldorfer Wahlkreisen gewinnen. Aus seiner Mitgliedschaft wurden der Advokat-Anwalt Hugo Wesendonck nach Frankfurt in die deutsche, Advokat-Anwalt Anton Bloem und Notar Josef Euler in die preußische Nationalversammlung nach Berlin gesandt.

Auf der Urkunde finden wir auch die Unterschrift „Reinartz“. Der Düsseldorfer Arzt und Stadtverordnete Dr. Franz Reinartz gehörte, ebenfalls zum „Allgemeinen Verein der Carnevalsfreunde“, seit 1846 zum Vorstand.69 In Düsseldorf wurde er auch der „Größ-Doctor“ genannt, weil er so bekannt war, dass er auf der Straße fast ununterbrochen nach beiden Seiten grüßen musste. Reinartz versuchte im November 1848 Laurentz Cantador, den Kommandeur der Düsseldorfer Bürgerwehr, im Gefängnis zu besuchen. Es musste aber beim Abgeben einer Visitenkarte bleiben.70

Alles in Allem war es ein Stammtisch, der manche reformorientierte Geister vereinte und der über den Karnevalsverein, die „St. Sebastianus Schützenbruderschaft“ und den „Verein für demokratische Monarchie“ – mit zahlreichen Querverbindungen unter den Vereinen – dem Düsseldorfer Bürgertum durch ein dichtes Beziehungsnetz verbunden war. Die führenden Mitglieder dieser Vereine waren auch die Hauptleute und Zugführer bzw. deren Stellvertreter der Düsseldorfer Bürgergarde.

Die Aufnahmeurkunde für das „Häselein“ stammt aus dem Jahre 1847. Das Jahr 1847 war bekanntlich das Jahr besserer Ernten, sinkender Getreide- und Brotpreise und der sich deutlicher abzeichnenden revolutionären Entwicklung in Deutschland. Auch für die Düsseldorfer Künstler der demokratischen Tendenz schien eine gute Zukunft zu erwarten. Diese Hoffnung trog.

Die Deutsche Revolution war gescheitert, lange bevor die revolutionären und liberalen Akteure es begriffen hatten. Bereits im Juni 1848 war in Paris ein Arbeiteraufstand durch den General Cavaignac blutig niedergeschlagen worden. Am 2. November wurde die Revolution in Österreich gewaltsam unterdrückt. Der preußische König übertrug den Vorsitz im „Ministerium der rettenden Tat“ dem kommandierenden General, dem Grafen Brandenburg. Am 9. November vertagte der König die Verfassung gebende Versammlung und berief sie erst auf den 27. November 1848 nach Brandenburg wieder ein. General Wrangel besetzte Berlin und löste die Bürgerwehr auf.

In den rheinischen Städten wurden diese Aktionen als ein Staatsstreich von rechts empfunden. Als Reaktion darauf wollte Laurentz Cantador, der Kommandant der Düsseldorfer Bürgerwehr, auch er Mitglied im „Allgemeinen Verein der Carnevalsfreunde“, dem durch die preußische Nationalversammlung erfolgten Aufruf zur Steuerverweigerung Nachdruck verleihen und hatte die Wehr zu einer Parade antreten lassen. Außerdem versuchte er, den Versand von Steuergeldern nach Berlin zu verhindern. Das Militär griff ein. Laurentz Cantador, ein bekannter und angesehener Düsseldorfer Kaufmann, wurde verhaftet. Wir finden Schwingen als Unterzeichner einer Bittschrift vom 16. Dezember 1848, mit der um eine Beschleunigung der gerichtlichen Untersuchung des Falles gebeten wird. Auch Schwingens Bruder, der Stellmacher Franz Schwingen, der bis 1856 in Düsseldorf lebt, hat unterzeichnet. Weitere Maler, die in der Bürgerwehr leitende Funktionen übernommen hatten, sind vertreten, so E. Leutze und J. P. Hasenclever, der unmittelbar vor Schwingen unterschrieben hat.71

Der Trauzeuge bei der zweiten Ehe Schwingens, der Wirt (Caffetier) Max Ebertz, war ebenfalls stellvertretender Zugführer der Bürgergarde gewesen.72 Der Baumeister Deckers, den Schwingen porträtierte (WVZ 119), Hauptmann der 8. Compagnie.73 Insgesamt haben über 1500 Personen die Bittschrift unterzeichnet. Die Bürgerwehr hatte etwa 3500 Mitglieder. So ist anzunehmen, dass die Unterzeichner vorwiegend aus der Bürgerwehr kamen. Dieses Dokument könnte andeuten, dass auch Schwingen Mitglied der Bürgerwehr war. Erst am 18. März 1849 wurde Cantador aus der Haft entlassen.74

Zurück nach oben


Verein Düsseldorfer Künstler

Wie bereits erwähnt war Schwingen 1844 wie viele andere Maler aus dem Karnevalsverein einer der Gründer des „Vereins der Düsseldorfer Künstler zur gegenseitigen Unterstützung und Hilfe“, kurz „Verein Düsseldorfer Künstler“ oder „Künstlerunterstützungsverein“. Zu den Gründungsmitgliedern gehörten auch F. S. Lachenwitz und Johann Wilhelm Preyer. Johann Peter Hasenclever wurde in den Vorstand gewählt. Die bis 1860 vorliegenden Jahresberichte des Vereins weisen Schwingen jeweils als Mitglied aus. Er beteiligt sich auch an den Aktivitäten des Vereins. 1844 stiftet er für eine Verlosung zugunsten der Unterstützungskasse das Bild „Lesender Alter“ (WVZ 29), 1847 ein „Dörfchen mit dem Schäfer am Heiligenhäuschen” (WVZ 82) und 1853 einen „Martinsabend“ (WVZ 19-24). Die Vereinsmitglieder übernahmen in den ersten Vereinsjahren die Bewachung der jährlichen Ausstellung des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen. Das dafür gezahlte Entgelt von 200 Talern floss ebenfall in die Unterstützungskasse. Schwingen betätigte sich an diesen freiwilligen Bewachungsaufgaben 1847, 1852 (zweimal) und 1853 (dreimal), wie die Jahresberichte akribisch verzeichnen.75 Der Künstlerunterstützungsverein war nicht nur zum Zwecke der Unterstützung in Not geratener Künstler und später deren Witwen gegründet worden; er war vor allem eine Vereinigung, die den Versand von Kunstwerken an Ausstellungs-Orte außerhalb Düsseldorfs organisierte. Wenn wir Schwingen auf Ausstellungen außerhalb Düsseldorfs finden, so ist in der Regel eine Organisation durch den Künstlerunterstützungsverein anzunehmen. Auch bei der Permanenten Kunstausstellung im Elberfelder Casino ist davon auszugehen.

Zurück nach oben


Malkasten

Am 6. August 1848 wird dann der Malkasten gegründet. Da sind eigentlich alle dabei. Schwingen, Hasenclever, Preyer, Lachenwitz natürlich auch. Hasenclever vertritt die nichtakademischen Künstler im Vorstand. Bereits am 11. November 1849 verleiht der „Allgemeine Verein der Carnevalsfreunde“ dem Malkasten eine Ehrenurkunde. 1850, die Revolution ist endgültig gescheitert, stellen Hasenclever und seine Freunde den kühnen Antrag, Ferdinand Freiligrath und Anton Fahne als außerordentliche Mitglieder in den Malkasten aufzunehmen. Der Antrag kommt durch. Ein Sturm der Entrüstung bricht unter den konservativen Mitgliedern des Vereins aus. Dem Streit wird aufgrund des Rückzugs von Freiligrath die Spitze genommen. Fahne, zunächst Jurist in preußischen Diensten, trat als Mäzen der Düsseldorfer Künstler hervor und besaß eine bedeutende Kunstsammlung, die zunächst in seinem „Schloss” Roland, später auf der so genannten Fahnenburg untergebracht war. In seinem Haus versammelte sich regelmäßig ein Kreis von Künstlern und Literaten.76 Fahne blieb bis zu seinem Tode Mitglied des Künstlervereins.

Schadow trat im Verlaufe dieser Auseinandersetzung für kurze Zeit aus dem Malkasten aus. Schon im Juni 1850 wurde er aber zum Präsidenten des Frühlingsfestes erklärt und ist im November des gleichen Jahres im Mitgliederverzeichnis aufgeführt.77 Er wurde schließlich zu seinem Dienstjubiläum im November 1851 durch ein Künstleralbum der Malkastenmaler geehrt.

Der Muffendorfer Schwingen ist um die Jahrhundertmitte ein anerkannter und bekannter Maler. An die zwanzig Porträts hat er für Wuppertaler Fabrikanten gemalt. Seit 1837 weisen ihn die gedruckten Verzeichnisse des „Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen“ als regelmäßigen Teilnehmer an den Düsseldorfer Ausstellungen aus. 1857 – nach Unterbrechung 1853 und 54 (vermutlich wegen der Beteiligung an der Wuppertaler Ausstellung) – zeigt er, soweit heute feststellbar, letztmalig ein „Bildnis“. Jedenfalls ist er 1860 nicht mehr dabei. Allerdings sind die Kataloge nur unvollständig überliefert.78 Seit 1836 ist er wie andere Düsseldorfer regelmäßig auf den Akademieausstellungen in Berlin vertreten. Auch die Ausstellungen des „Kölnischen Kunstvereins“ werden seit 1839 ziemlich regelmäßig beschickt, meist im Anschluss an die Düsseldorfer Ausstellungen. Neben dem „Martinsabend“ werden zwei weitere – heute verschollene – Bilder als Grafiken verbreitet (WVZ 39,40). Ankäufe erfolgen u. a. durch den „Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen“ und den Prinzen Georg von Hessen. Seine Bilder sind auch in Leipzig, München, Lübeck, Hannover und Breslau zu sehen.79 In die Spitzengruppe freilich dringt Schwingen nicht vor. Keines seiner Bilder wird – wie die anderer Düsseldorfer, z. B. Johann Peter Hasenclever – von dem bekannten Sammler Konsul J. H. W. Wagener in Berlin aufgekauft. Der Berliner Hof ist zurückhaltend, was angesichts der Themen verständlich sein mag. In der Sammlung des Düsseldorfer Kunstfreundes Anton Fahne ist er ebenfalls nicht vertreten, obwohl Fahne ihn in seinem ersten Buch über die Düsseldorfer Malerschule erwähnt und mit ihm gemeinsam in einem Festausschuss der Karnevalsgesellschaft saß.

Zurück nach oben


Düsseldorfer Monathefte

In der Literatur wird immer wieder auf die grafischen Arbeiten Schwingens und seine Mitarbeit bei den „Düsseldorfer Monatheften“ hingewiesen. Bis jetzt allerdings lassen sich keine grafischen Arbeiten nachweisen. Die Düsseldorfer Monathefte führen seinen Namen seit ihrer Gründung 1847 bis zum Jahr 1854 unter den Mitarbeitern auf dem Titelblatt; eine signierte Arbeit Schwingens ist aber in allen Heften dieser Zeit nicht identifizierbar. Es gab aber eine Zusammenarbeit zwischen Schwingen und Johann Baptist Sonderland. Der von Sonderland ausgeführte Stich des Martinsabend trägt keine keine Signatur Schwingens. So könnte auch in den Monatsheften verfahren worden sein. Einzelne Blätter erinnern in Aufbau und Detail an seine Innnenraumporträts, so die Lithographie nach S. 336 „St! Still Kinder der Vater möchte gern Minister werden“.

Bis Mitte der 50er-Jahre ist Schwingen auch gesellschaftlich im Kreise der Düsseldorfer Künstler keineswegs isoliert oder in einer Aussenseiter-Position. So kann denn auch sein Name nur aus Reklamegründen auf dem Titelblatt der „Düsseldorfer Monathefte“ gestanden haben. Auch der von J. P. Hasenclever stand dort, obwohl er nur einmal mit einer Lithographie als Beiträger auftaucht. Lorenz Clasen, der Herausgeber der Monathefte, war – natürlich – Mitglied im Allgemeinen Verein der Carnevalsfreunde. Später wurde er auch noch stellvertretender Kommandant der Düsseldorfer Bürgerwehr.

Zurück nach oben


Dunklere Jahre

Ende der 50er Jahre scheint es aber einen Knick in der Lebenskurve Schwingens zu geben. Am 25. Januar 1848 stirbt seine erste Frau. Die Kinder sind 8, 6 und 3 Jahre alt. Man darf durchaus vermuten, dass der Tod der jungen Frau, sie ist 32 Jahre alt, mit einer unglücklich verlaufenen weiteren Schwangerschaft zusammen hing. So treffen persönliche und politische Krise in tragischer Verkettung zusammen. In der Familie muss es weiter gehen, Geld muss gerade jetzt verdient werden. Geht das über die Kräfte des ja ebenfalls noch jungen Witwers? Er ist 35 Jahre alt.

Zunächst heiratet Schwingen erneut am 21. November 1849, diesmal die Tochter eines „Staabsschmidts“ (in der Sterbeurkunde der Tochter allerdings als Ackerer bezeichnet) aus Iserlohn, die 11 Jahre jüngere Sophie Zecher.80 Der Vater der Braut war bereits 1839 verstorben. Die Mutter lebte in Grüne in Westfalen. Die junge Frau dürfte in Düsseldorf einer Arbeit als Dienstmädchen oder Ähnlichem nachgegangen sein. Man könnte auch vermuten, dass sie in einer Gaststätte als Serviererin arbeitete. Einer der Trauzeugen war der Caffetier Max Josef Ebertz. Nach dem Tode Schwingens heiratete die Witwe einen Gastwirt aus Mülheim/Ruhr. Jedenfalls blieb Schwingen im angestammten Milieu, schließlich war ja auch seine Mutter die Tochter eines Dieners und späteren Gastwirtes.

Auch aus der zweiten Ehe gehen ebenfalls vier Kinder hervor.81 Leider ist der nun folgende Lebensabschnitt noch schlechter dokumentiert als die vorangegangenen. Offizielle Akten stehen nicht mehr zur Verfügung. Die Berliner Ausstellungen verlieren nach dem Scheitern der Revolution und dem Beginn der Restauration an Bedeutung. Das Werkverzeichnis ist denn auch für die Zeit zwischen 1850 und 1863, dem Todesjahr, vermutlich besonders lückenhaft. Gerade in jüngster Zeit tauchen aber immer wieder Bilder auch aus diesen Jahren auf.

Bei beiden Trauungen Schwingens waren neben Verwandten und Bekannten auch Künstlerfreunde als Trauzeugen vertreten. Bei der ersten Trauung waren es junge Schüler der Akademie, die später nicht weiter in Erscheinung traten. Lediglich Samuel Rahm gewann in Krefeld einen gewissen Ruf als Porträtmaler.

Schwingen und S. Lachenwitz, Foto: W. Severin, Düsseldorf

Bei der zweiten Eheschließung finden wir als Zeugen den sieben Jahre jüngeren Sigmund Lachenwitz (1820-1868), der zwar als Künstler und Tiermaler nicht zur Prominenz in Düsseldorf zählte, aber ein damals erfolgreicher, viel gekaufter Künstler und ein Schwager des bekannten Stilllebenmaler Johann Wilhelm Preyer war. Die Familie Lachenwitz war nach dem Tod des Vaters 1840 von Köln wieder nach Düsseldorf gekommen. Die ältere Schwester Emilie wurde, wahrscheinlich anlässlich der Hochzeit 1842, von J. P. Hasenclever gemalt. Walter Cohen bezeichnete es, wohl etwas übertrieben, als „das Beste, das wir von Hasenclever kennen.“82 Lachenwitz selbst wurde später ebenfalls von Hasenclever porträtiert. Er war Gründungsmitglied des „Malkasten“ und unterstützte 1850 den von Hasenclever initiierten Antrag zur Aufnahme von Ferdinand Freiligrath in den Künstler-Verein. Die Mutter von Lachenwitz war eine „geborene Hackländer“ und so war der Maler auch mit dem damals bekannten Bestsellerautor Friedrich Wilhelm Hackländer verwandt. Der Schriftsteller war sein Vetter 2. Grades. Diese Verwandtschaft brachte dem Tiermaler einen großen Auftrag des württembergischen Königs, aber leider nicht die erhofft Berufung an die Stuttgarter Akademie ein.

Lachenwitz ist gemeinsam mit Schwingen auf dem einzigen überlieferten Foto des Künstlers zu sehen.83 Dieses Foto ist von W. Severin gemacht worden, der als erster in Düsseldorf auf dem Steinweg ein Fotoatelier eröffnete. Lachenwitz einziger Sohn Karl wurde nach einer Ausbildung als Xylograph und kurzem Zwischenspiel an der Akademie Fotograf.84 Damit ist die Frage von Walter Cohen, ob Schwingen wohl die Arbeiten der frühen Daguerrotypisten gekannt habe, positiv zu beantworten. Eine jüngere Schwester von Lachenwitz war mit dem Elberfelder Maler Richard Seel befreundet und erhielt von ihm Gesangsunterricht.85

Einen anderen Trauzeugen – Paul (von) Franken – mochte Schwingen aus seiner Jugend in Muffendorf kennen. Franken (1818-1884), in Oberbachem (heute Wachtberg-Oberbachem) geboren, war Sohn des Godesberger Bürgermeisters Wilhelm Hugo (von) Franken. Dieser hatte sich allerdings den Adelstitel (als Standesbeamter) selbst zugelegt. Er wurde ihm und der Familie später wieder abgesprochen. Dennoch signierte sein Sohn Paul Franken vielfach mit einer zumindest zweideutigen Unterschrift. Er war zur damaligen Zeit bereits ein viel gereister und international ausgebildeter Maler. 1841 und 1842 hatte er in Düsseldorf studiert, dann war er nach Dresden und Amsterdam gegangen. 1849 kam er mit seiner Verlobten, der baltischen Malerin Helene Köber wieder nach Düsseldorf. 1851 heirateten sie in Godesberg und reisten über Paris in die baltische Heimat von Frau Franken nach Mitau. Es folgte ein langer Aufenthalt im Kaukasus.86 Im Auftrage der russischen Regierung bereiste er die Kriegsschauplätze im Kaukasus und hielt die Landschaften und Menschen dokumentarisch fest. In Tiflis wurde die Tochter Helene geboren. Ihre Nachfahren leben noch heute in Georgien und besitzen zahlreiche Werke ihrer deutschen Vorfahren. Auch Franken war in seinen Düsseldorfer Jahren Mitglied des „Malkasten“. Beide, Lachenwitz und Franken, waren übrigens, im Gegensatz zu Schwingen, in der bedeutenden Sammlung des Düsseldorfer Kunstfreundes und Mäzens Anton Fahne auf der Fahnenburg vertreten. Wir wissen, dass sie auch nach der Hochzeit Schwingens weiter Kontakt miteinander hielten. Franken hat Lachenwitz sogar in einem „Freundschaftsbilde” gemalt. Ob auch Schwingen weiterhin die Beziehungen aufrecht erhielt, wissen wir – wieder einmal – nicht.

Auffällig ist, dass Schwingen – neben den Auftragsbildern – viele Angehörige seiner Familie gemalt hat, dass aber Bilder von Künstlerfreunden, damals ein typisches Düsseldorfer Produkt, nicht auftauchen. Ebenso wenig wurde Schwingen selbst von anderen Künstlern gemalt. In der „Ahnengalerie“ des Malkasten ist er nicht vertreten, was mit seiner späteren Streichung als Mitglied infolge fehlender Beitragszahlung zusammenhängen mag. Schwingen hatte wohl auch das Interesse an den inzwischen überwiegend gesellschaftlichen und auch kostspieligen Aktivitäten des Malkasten verloren, während er im Künstlerunterstützungsverein, der für die Organisation von Ausstellungen in Düsseldorf und auswärts wichtig war, regelmäßig mitarbeitete.

1850, 1851 und 1852 organisierte die im Malkasten vereinigte Künstlerschaft Frühlingsfeste auf der Fahnenburg, dem späteren Wohnsitz des Kunstmäzens A. Fahne am Grafenberg. Diese Künstlerfeste zeichneten sich nicht mehr durch die spontane Fröhlichkeit der jungen Künstler aus, sondern wurden immer mehr zu aufwendigen und prunkvollen Inszenierungen. Die Beteiligung an diesen Festen stellte auch eine ziemlich große finanzielle Belastung dar. So war vorwiegend das Establishment anzutreffen. 1850 war das Thema der „Kampf der guten Gesellen mit den Weinen“. 1851 ging es – man war eben sehr originell – um die „Befreiung der Prinzessin Waldmeister durch den Prinzen Rebensaft.” Am Fest des Jahres 1851 nahm Schwingen vermutlich mit seiner Frau teil. Jedenfalls meldet die Teilnehmerliste „2 Couverts bezahlt. Abzeichen erhalten”,87 Auch Lachenwitz ist dabei.88 Dass auch Wilhelm Busch an diesem Künstlerfest teilnahm, sei hier nur als Kuriosität erwähnt. Der Vetter von Lachenwitz, Friedrich Wilhelm Hackländer, damals ein viel gelesener Romanschriftsteller, stellte eines der Feste in das Zentrum seines „Künstlerromans”.89

Zurück nach oben


Elberfeld 1851-1854

1851 startete im Gartensaal des Casino in Elberfeld ein ungewöhnliches Unternehmen. Eine „Permanente Kunstausstellung für Elberfeld-Barmen“ wurde angekündigt. Vom Mai 1851 bis Mai 1854 wurden auf Kommissionsbasis Bilder ausgestellt, verkauft und verlost. Führende Unternehmer und Beamte aus den Wupperstädten hatten ein Organisations-Komitee gebildet. Im Hintergrund wirkte bis Mitte 1853 der Schriftsteller, Journalist und „wahre“ Sozialist Hermann Püttmann, der zahlreiche beachtliche Besprechungen der ausgestellten Bilder in der Elberfelder Zeitung von 1851 und 1852 publizierte. Fast alle bedeutenden Maler Düsseldorfs waren vertreten. Bis Mai 1852 waren etwa 1000 Bilder ausgestellt worden. Peter Schwingen war mit 13 Bildern vertreten, darunter „Die geizige Bauersfrau“ (WVZ 91), „Singendes Mädchen“ (WVZ 95), „St. Martinsabend“, „Kinder an der Pumpe spielend“ (WVZ 94), „Der als Krüppel heimkehrende Krieger“ (WVZ 92), „Das Kind die Taube fütternd“ (WVZ 96), „Der schlafende Knabe im Hundestall“ (2 mal) (WVZ 97 und 98) und „Der neue Wein“ (WVZ 93). Auch eine Fassung der „Pfändung“ (WVZ 75) wurde gezeigt, zwei Porträts von Wuppertaler Bürgern wurden vorgestellt. Leider sind sie nicht näher beschrieben.

In diesem Zusammenhang schrieb der „Tägliche Anzeiger für Berg und Mark“: „Auch der Düsseldorfer Maler Peter Schwingen zeigt uns in zwei Porträts (ebenfalls hiesige Persönlichkeiten darstellend) ein feines Gefühl für Individualisierung, nebenbei ist die milde, zarte Behandlung der Farben sehr anerkennenswert, so daß wir uns nicht erinnern, von dem bekannten Meister gelungenere Bildnisse gesehen zu haben“. 90

Schwingen zeigte also weiterhin Flagge an der Wupper. Das bemerkte auch Hermann Püttmann in der „Elberfelder Zeitung“ vom 11. Juni 1851. Er schrieb: „Von den übrigen Porträts der Ausstellung erfreuen uns die beiden Bildnisse von P. Schwingen durch solide Tüchtigkeit. Der Künstler, der hier durch seine Arbeiten in gutem Andenken steht, wird nicht verfehlen, in freundliche Erinnerung zu kommen“. 91 Auch sein Freund Sigmund Lachenwitz stellte in Elberfeld zahlreiche Werke aus.92 Aus Schwingens Freundeskreis war Johann Peter Hasenclever ebenfalls unter den Ausstellern stark vertreten. Seine „Pfarrersfamilie“ gehörte zu den verkauften Stücken.93 Auch Schwingens „Geizige Bauersfrau“ (WVZ 91) wurde verkauft.

1860 kommt es zu dem Versuch einer Wiederbelebung der Permanenten Kunstausstellung in Elberfeld auf privater Basis durch die Galeristen Pfeiffer & Meyers. Ein langes Leben war dem Experiment wohl nicht beschieden. Dort wurde im Januar 1861 von Peter Schwingen das Bild „Der Spazierritt“ (WVZ 129) ausgestellt, wobei die Galerie versichert, dass es sich bei Reiter und Pferd um echte Porträts handele. Das Bild sei nur für wenige Tage ausgestellt.94 Wir wissen nun nicht, ob Schwingen selbst hier ein spät gemaltes Werk zum Verkauf anbietet, oder ob ein stolzer Besitzer sein früher erworbenes Prachtstück einmal vorzeigen will. Jedenfalls ist das Bild unter den Werken Schwingens bisher nicht aufgetaucht.

Zurück nach oben


Krank- und vergessen?

Trotz der großen Produktion von Genrebildern Anfang der 50er-Jahre hat es wohl finanzielle Probleme gegeben. Seine Beiträge zur Malkasten hat der Maler 1854 und 1855 nicht mehr oder jedenfalls nicht rechtzeitig bezahlt.95 1858 wird er im gedruckten Mitgliederverzeichnis des Malkastens nicht mehr aufgeführt.96 Auch Lachenwitz fehlt dort, tritt aber später wieder ein. Es wird stiller um den Maler aus Muffendorf. Sein Landsmann Franken hat Düsseldorf bereits 1850 oder 1851 verlassen und kehrt erst 1861 dorthin zurück. 1853 stirbt Henry Ritter. Auch der befreundete Johann Peter Hasenclever stirbt im gleichen Jahr. 1854 wird Schwingen zum letzten Mal als Mitarbeiter auf dem Titelblatt der Monathefte genannt.

Seine malerischen Werke sind in dieser Zeit, wenn auch weniger vollständig überliefert als in den vorangegangenen Jahren, dennoch beachtlich. Der Trend, der sich in den „politischen“ Bildern in den Jahren vor und in der Revolution abgezeichnet hatte, war freilich in der Zeit der Reaktion nicht mehr durchzuhalten. Soweit die Maler dieser Richtung nicht auswanderten, wie zum Beispiel der Bonner (Poppelsdorfer) Maler Heinrich Vianden, oder, wenn man so will „rechtzeitig“, starben, waren sie gezwungen zu harmlosen Genrebildern und weiterhin zu Porträts ihre Zuflucht zu nehmen.

1850 malt Schwingen seine junge Frau (WVZ 89). Im Auftrage eines Düsseldorfer Weinhändlers entsteht das großformatige Gemälde „Die Weinlaube“ (WVZ 93). 1854 sind zwei Porträts und 1855 wiederum ein Porträt aus dem Wuppertal zu erwähnen (WVZ 103). Weitere Porträts aus den Jahren 1857 und 1859 sind neuerdings bekannt geworden. Schwingen wiederholt 1856 sein erfolgreiches Bild „Der Lotteriejude“ (WVZ 104) und 1862 in leichter Abwandlung die „Verperzeit am Sonntage“ von 1837 (WVZ 113). Mit den Bildern „Mädchen in Weiß“ (WVZ 108) und „Bildnis eines Knaben“ (WVZ 112) entstehen zwei Werke, die zwar im Aufbau konventionell, aber in der malerischen Gestaltung von höchster Qualität sind. Auch das in Schwelm überlieferte Porträt stammt aus diesen späten Jahren. Vermutlich 1863 malt Schwingen sein letztes, unvollendetes Bild, den „Trauernden Künstler“ (WVZ 114). Auch das Bild im Bild auf der Staffelei des Ateliers ist unvollendet.

1861 wohnt Schwingen mit seiner Familie noch in einem Efeu umrankten Häuschen in Bilk. Infolge seiner Erkrankung kann er aber nur noch sehr wenig malen. Eine billigere Wohnung muss gefunden werden. Am 6. Mai 1863 stirbt der Maler in Düsseldorf, Klosterstr. ohne Nr. Nachbarn machen den Tod aktenkundig. Im Düsseldorfer Bürgerbuch ist die Eintragung „Invalide“ vermerkt, d. h. wohl, dass er aus gesundheitlichen Gründen als zum Wehrdienst nicht tauglich angesehen wurde. An einer aufwändigen Todesanzeige (wenn auch mit falschem Todesdatum) im „Düsseldorfer Anzeiger“ ist zu erkennen, dass die Familie Schwingens nicht zu den Ärmsten der Stadt gehörte.97 Als Todesursache wird eine „Abnehmungskrankheit“ angegeben. Ein Nachruf ist u. W. in Düsseldorf oder Godesberg nicht veröffentlicht worden.

„Düsseldorfer Anzeiger“ vom 9.5.1863.

Seine Witwe wird vom Künstlerunterstützungsverein die üblichen 30 Taler für die Beerdigung erhalten haben. Sie zieht nach dem Tod des Ehemannes mit ihren Kindern nach Mülheim/Ruhr, wo sie ein zweites Mal, diesmal einen Gastwirt, heiratet, geschieden wird, und schließlich im Hause der jüngsten Tochter 1886 stirbt.

Auf der Jubiläumsausstellung des Malkastens 1898 ist Schwingen wieder mit einem Porträt vertreten (WVZ 119). Er war also nicht ganz vergessen. Soweit wir sehen, das erste Mal, dass eines seiner Bilder nach seinem Tode wieder ausgestellt wird. 98

Wir können heute nicht mehr genauer feststellen, wie die persönlichen Verhältnisse des Malers in den letzten Jahren seines Lebens gewesen sind. Generell war jedoch in Deutschland/Preußen der Stern der Düsseldorfer Malerschule so schnell gesunken, wie er kometenhaft aufgestiegen war. Erste Anzeichen hatte es schon in den vierziger Jahren gegeben. Joachim Großmann weist auf einige Ursachen hin. Da ist einmal die stark zunehmende Zahl der Künstler zu nennen, die der vorangegangenen Kunsteuphorie zu danken war. Ernteausfälle in den vierziger Jahren trieben die Preise in die Höhe und waren wohl auch mitverantwortlich für den Ausbruch der Revolution. Andere Autoren weisen auf die bedeutende Rolle der Kunstkritik hin, die zunächst himmelhoch jauchzete (mit kräftiger Hilfe der Akademie und des rührigen Schadow), dann aber ebenso schnell zu einem „Kreuzige! Kreuzige!“ bereit war.99 Das politische Gewicht verlagerte sich zudem mehr und mehr in die Hauptstädte Berlin und München.100 Schadow schrieb 1848: „Wie’s hier unter den Künstlern steht, ist nicht zu sagen! Selbst die Besseren haben nichts zu tun.“101

Zurück nach oben

-----------------------

Späte Wiederentdeckung

Wie viele andere blieb Schwingen auch nach seinem frühen Tode lange unbeachtet. Seine Genrebilder teilten die Verachtung dieser Sparte durch die offiziöse Kunstkritik. Nach der Revolution mochte sich wohl auch niemand mehr der eher politischen Gemälde erinnern.


Die Jahrhundertausstellung 1906

Für die Wiederentdeckung von Schwingen und die Neubewertung seiner Werke war von größter Bedeutung, dass eines seiner Bilder 1906 auf der Jahrhundertausstellung in Berlin gezeigt wurde. Dieses Bild galt lange als verschollen. Walter Cohen wies in seinem Vortrag 1932 in Godesberg darauf hin, dass alle Nachforschungen bis jetzt vergeblich gewesen seien. Nun, dieses wichtige Bild „Die Familie Keuchen-Werlé“ (WVZ 71) ist im Jahre 2000 wieder aufgetaucht und aus Godesberger Privatbesitz inzwischen in die Wuppertaler Sammlung Volmer gelangt! Worin liegt sein besonderer Stellenwert?

Um die Jahrhundertwende wurde der Ruf nach einer Revision des akademischen Kanon der Kunstwertung immer lauter. Immer noch galt offiziell die Historienmalerei als die bedeutendste Sparte der Malerei. An die Stelle einer am Inhalt der Werke orientierten Kunstkritik sollte nun ein Qualitätsbegriff etabliert werden, „der sich an einer rein malerisch verstandenen Kunstentwicklung orientierte, in deren Mittelpunkt die traditionell als weniger anspruchsvoll eingeschätzten Gattungen Bildnis-, Landschaftsund Genremalerei standen.“102 Führende Museumsleute wie Alfred Lichtwark in Hamburg, Woldemar von Seidlitz in Dresden, Kunstschriftsteller wie Julius Meier-Graefe in Paris und Berlin und schließlich auch der neue Direktor der Nationalgalerie in Berlin Hugo von Tschudi wurden die Initiatoren einer so genannten „Revisionsausstellung“, wie der Arbeitstitel deutlich lautete. Diese Ausstellung wurde als Jahrhundertausstellung, in Anlehnung an die „Centennale“ in Paris „zum Schlüsselereignis für die kunstgeschichtliche Rezeption der deutschen Malerei des 19. Jahrhunderts.“103

In Barmen gehörte der Kunsthistoriker Richart Reiche 104 zu denen, die sich energisch für die Ausstellung und ihre Ziele einsetzten. Obwohl noch nicht zum künstlerischen Leiter des „Barmer Kunstvereins“ berufen, veranstaltete er in Zusammenarbeit mit diesem 1906 eine Ausstellung in der Ruhmeshalle, auf der Bilder aus Privatbesitz gezeigt wurden, die für die Jahrhundertausstellung in Berlin bestimmt waren.105 Es war zwar nicht erstaunlich angesichts der Bedeutung der Werke von Peter Schwingen im Wuppertal (meist in Elberfeld), aber auch nicht selbstverständlich, dass zu diesen auch Peter Schwingens „Die Familie Keuchen-Werlé“ gehörte. Hugo von Tschudi, als Direktor der Nationalgalerie für Ausstellung und Katalog verantwortlich, widmet diesem Bild eine ganze Seite im Illustrationen-Band. So gingen die Anfänge der Wiederentdeckung Schwingens vom Wuppertal aus, wo er ja auch als Maler seine großen Erfolge errungen hatte.

„Die Familie Keuchen-Werlé“ gehörte dann auch zu den Werken Schwingens, die in den folgenden Jahren mehrfach abgebildet und in kunsthistorischen Darstellungen erwähnt wurden. 1909 wurde das Gemälde in einer Veröffentlichung von F. W. Bredt und R. Reiche wieder vorgestellt.106 Richard Hamann erwähnt es in seiner Überblicksdarstellung der deutschen Malerei wegen seines typischen Biedermeier-Interieurs.107 Sogar die „Berliner Illustrierte“ stellte es ihren Lesern vor. .

Reiche war freilich weniger an der Wiederentdeckung Düsseldorfer Genremaler als an der zeitgenössischen Malerei interessiert und baute in den folgenden Jahrzehnten die Sammlung des Barmer Kunstvereins zu einer bedeutenden Galerie der Moderne aus. So ging die Initiative der „Revision“ auf Friedrich Fries in Elberfeld sowie Bürgermeister Zander in Godesberg und Walter Cohen in Düsseldorf über.

Zurück nach oben


Elberfeld 1907 und 1922

1907 fand im Städtischen Museum in Elberfeld (heute Von der Heydt-Museum) eine Ausstellung statt, auf der auch fünf Porträts von Schwingen aus Elberfelder Privatbesitz gezeigt wurden. Friedrich Fries hatte diese Ausstellung organisiert.108

1922 folgte eine Ausstellung von Interieurbildern in Elberfeld, auf der Schwingen mit den Bildern Peter de Weerth (WVZ 42) und Gertrud de Weerth (WVZ 69) vertreten war. Der Rezensent E. Kgb. (Ernst Kuckelsberg)109 rühmte in der „Bergisch-Märkischen Zeitung“: „die Aufgabe ist mit höchstem Geschmack und einer bewundernswerten Meisterschaft des Handwerklichen gelöst.“ Er kritisierte allerdings die „spießerhafte, philiströse Auffassung“110 Ganz anders Walter Cohen. Er weist zunächst auf die „Reinigungsarbeit“ der Jahrhundertausstellung hin und betont, dass nach dieser Ausstellung die Geschichte der Malerei Düsseldorfs neu geschrieben werden müsse. Dabei verweist er besonders auf einen Künstler. „Den Namen des Künstlers, Peter Schwingen, setze ich mit dem Gefühl der Beschämung hin, dass diesem Manne von Mit- und Nachwelt in Düsseldorf schweres Unrecht widerfahren ist.“111 Anschließend bespricht er geradezu enthusiastisch die Bilder Peter und Gertrud de Weerth und stellt bedauernd fest, dass auf der Düsseldorfer Ausstellung von Bildnissen aus Privatbesitz nur ein kleines Brustbild eines Verwandten gezeigt werden konnte. Er schließt seinen Aufsatz in den Düsseldorfer Nachrichten wie folgt. „Ein Gruppenbild Schwingens von 1844 wurde für die Deutsche Jahrhundert-Ausstellung hervorgeholt und sehr beachtet. In dem zweibändigen Ausstellungswerk ist es abgebildet und zwar in dem ersten Bande, der von Hugo von Tschudi getroffenen ,Auswahl der hervorragendsten Bilder“. Wird es auch für Düsseldorf gelingen, die Erinnerung an diesen Verkannten und Vergessenen zu beleben und festzuhalten?“ 112

Zurück nach oben


Walter Cohen und die Ausstellung in Düsseldorf 1925

Bei der Ausstellung in Elberfeld war Walter Cohen zum ersten Mal auf Schwingen aufmerksam geworden. Er entwickelte sich in den folgenden zehn Jahren, unterstützt von Julius Söhn, zum eifrigen Propagandisten für seine Kunst, besonders seine Bildnisse.113 Cohen und Reiche waren gute Bekannte und hatten bei der Vorbereitung der Sonderbundausstellung eng zusammengearbeitet. Wie Reiche gehörte Cohen dem Vorstand des Sonderbundes an. In der Ausstellung „Düsseldorfer Bildnismalerei der Vergangenheit“ hatte Cohen nur das kleine Bildchen des Schneidermeisters Schmitz (WVZ 6) aus dem Privatbesitz von Julius Söhn zeigen können. Die Ausstellung „Die letzten hundert Jahre rheinischer Malerei“ im Kunstpalast in Düsseldorf 1925 präsentierte aufgrund der Bemühungen von Cohen schon neun Bilder Schwingens.114 Der mit Walter Cohen befreundete Godesberger Maler Toni Wolter besuchte auf seiner Reise nach Nordamerika die Ausstellung und widmete den Bildern des Landsmannes aus Muffendorf sein besonderes Interesse.115 Hatte die mit der Ausstellung von 1906 angestrebte Revision stattgefunden?

Zurück nach oben


Peter Schwingen und Godesberg

In seinem Buch „Hundert Jahre rheinischer Malerei“ hatte Cohen schon 1924 geschrieben: „Am Rhein sollte man endlich anfangen, diesem Vergessenen die Ehre zu erweisen, die ihm zukommt; denn Peter Schwingen ist in Wahrheit von allen rheinischen Bildnismalern der originellste und der begabteste.“116 1926 gab es in Bad Godesberg, wohl als Echo auf die Düsseldorfer Jahrhundertausstellung, eine kleine Ausstellung im Büro der „Deutschen Reichs-Zeitung“ mit acht Schwingen-Bildern aus Privatbesitz.117

Der Godesberger Bürgermeister Zander war ein aufmerksamer Leser der Veröffentlichung von Walter Cohen. Er begann nicht nur nach den Vorfahren des Malers und dem Verbleib von Bildern zu forschen, er regte gleichzeitig an, dass Cohen doch einen Vortrag in Godesberg über den Maler halten möge. Schließlich kam es zu der Idee, zunächst eine Ausstellung der Werke von Peter Schwingen zu veranstalten und diese dann mit einem Vortrag zu verbinden.118 Die Ausstellung kam aus den auch heute noch fast notorischen Gründen – hohe Versicherungskosten, Probleme mit den Leihgebern – nicht zustande. Aber Zander ließ nicht locker. Erst 1931 sollte sich ein Teilerfolg seiner Bemühungen zeigen.

Abschluss und Höhepunkt der Bemühungen des Godesberger Bürgermeisters und auch der „Schwingen-Wiedergeburt“ war der Lichtbildervortrag von Dr. Cohen 1931 in Bad Godesberg, der 1932 auch als Broschüre veröffentlicht wurde 119 Dieser Vortrag sollte einer der letzten des Kustos der Gemäldesammlungen der Stadt Düsseldorf sein. Als „Jude“ nach Hitlers Rassenvorstellungen wurde er zunehmend bedrängt, musste sein Amt aufgeben, kam ins Konzentrationslager Dachau, wo er 1942 starb.120 Als Kuriosum sei erwähnt, dass nach der Entlassung von Bürgermeister Zander NS-Staatskommissar Heinrich Alef die Broschüre Cohens am 31. März 1933 an die Schulabgänger der Gemeinde Friesdorf mit den Zeugnissen überreichen ließ. Widmung: „Den Schulkindern im Jahre der nationalen Erhebung zur Schulentlassung gewidmet von der Gemeinde Godesberg”.121

Das Godesberger Heimatmuseum, in dem Bürgermeister Zander einen Ehrenplatz für Schwingen vorgesehen hatte und für das mehrere Bilder des Malers, teils als Leihgaben, zur Verfügung gestellt worden waren, wurde 1945 ein Opfer der Nachkriegswirren. Die Exponate landeten auf einer Müllkippe. Dann verliert sich die Spur.

Schwingen wurde in der kunstgeschichtlichen Literatur der Nachkriegszeit zunächst nicht zur Kenntnis genommen, obwohl die lokale Presse immer wieder über ihn berichtete. 1960 wurden „Der Schmaus nach Gewinn des großen Loses” (WVZ 70) und 1962 das „Bildnis Frau Heseler” (WVZ 103) vom Städtischen Kunstmuseum Bonn aufgekauft. Erst als dann der „Verein für Heimatpflege und Heimatgeschichte Bad Godesberg” und Walter Holzhausen, der pensionierte Direktor des Städtischen Kunstmuseums Bonn, zusammen mit der Stadt Bad Godesberg durch Ausstellung und Veröffentlichung das Thema aufgriffen, wurde man auch überregional wieder auf den Maler aufmerksam. Anlass boten der 150. Geburtstag und der 100. Todestag von Schwingen 1963. Die Initiative ging vom damaligen Vorsitzenden des Godesberger Heimatvereins, Dr. Haentjes, aus. Am 29. Mai 1963 hielt Dr. Holzhausen einen Lichtbildervortrag über Schwingen auf der Mitgliederversammlung des „Vereins für Heimatpflege und Heimatgeschichte“, die aus diesem Anlass in Gasthaus „Zur Post” in Muffendorf stattfand.122 Sogar der Malkasten erinnerte sich seines Gründungsmitglieds und lud Holzhausen zu einem Lichtbildervortrag ein (6. November 1963). Auch der „Bergische Geschichtsverein“ sprach eine Vortrags-Einladung aus und lies die Ausführungen Holthausens ganzseitig im „General-Anzeiger“ veröffentlichen. Die Ausstellung, die erste Einzelausstellung des Malers, konnte vom 1. bis 22. März 1964 in der Godesberger Stadthalle durchgeführt werden.123 Als man in Muffendorf „1100 Jahre Muffendorf“ feierte, wurde im Rahmen einer ortshistorischen Ausstellung auch des berühmtesten Muffendorfers gedacht.124 1993 wurde auf Initiative von Pia Heckes die „Peter-Schwingen-Gesellschaft“ gegründet, die schon 1994 im städtischen „Haus an der Redoute“ eine repräsentative Schwingen-Ausstellung ausrichten konnte und im Anschluss daran eine Monographie über den Maler veröffentlichte. Diese enthielt auch ein Verzeichnis der bis dahin bekannt gewordenen Werke Schwingens. Das neu erwachte Interesse an Schwingen führte auch dazu, dass Werke aus Privatbesitz auftauchten, die bislang entweder völlig unbekannt gewesen waren oder, wie das bekannte Bild „Die Familie Keuchen-Werlé“ seit langem als verschollen galten. Das Kunsthaus Paul Schweitzer, Bad Godesberg und die Galerien Georg Paffrath und Wilhelm Körs, Düsseldorf spielten dabei eine wichtige Rolle.

Indes, auch dann folgte kein Schwingen-Boom. Zu verstreut ist das Werk, zu gering sind die allgemeinen Informationen, als dass etwa ein junger Kunsthistoriker sich hier seine Sporen verdienen möchte oder gar ein Museum eine Retrospektive veranstaltet. Insgesamt sind heute 11 Werke in Museumsbesitz, nur wenige davon sind ausgestellt. Die Peter-Schwingen-Gesellschaft, Bad Godesberger Kunstverein, will dazu beitragen, dass der Maler – wenn auch spät – seiner Bedeutung entsprechend gewürdigt wird. In dem repräsentativen „Lexikon der Düsseldorfer Malerschule“ ist das geschehen. In der kunsthistorischen Fachliteratur der Nachkriegszeit ist die Neubewertung Schwingens und einer Reihe seiner Malerkollegen vor allem Wolfgang Hütt zu danken, dessen Dissertation 1956 in Halle geschrieben, inzwischen 1995 in 3. Auflage veröffentlicht, zum Standardwerk über die Düsseldorfer Malerschule geworden ist.

Zurück nach oben

-----------------------

Zum Werk

Porträts

Das erste Bild, das uns von Schwingen durch Fotos überliefert ist, frühere Bilder kennen wir nur aus Berichten, ist ein Selbstporträt, das lange in der Familie aufbewahrt wurde und stark beschädigt war (WVZ 3). Nach der Restauration durch Spinrath in Düsseldorf blickt uns ein aufgeweckter Junge aus dem Dorfe selbstbewusst an, so wie wir ihn auch heute noch auf den Dorfstraßen seiner Heimat antreffen können. Wahrscheinlich ist das Bild noch vor oder gleich zu Beginn des Akademiebesuches entstanden. Es ist mit anderem Inventar des Godesberger Heimatmuseums in den Wirren der Nachkriegszeit nach dem 2. Weltkrieg verschwunden.

Schwingen hat auch weitere Stationen seines Lebens in Selbstporträts festgehalten. Ein etwas später entstandenes Selbstbildnis zeigt Schwingen im Halbprofil und bereits mit dem Ansatz einer hohen Stirn (WVZ 17). Das Bild ist ebenfalls verschollen. Die Grundkonzeption finden wir in den 1837 entstandenen kleinen Porträts aus dem Kreis der Kinder des Peter de Weerth wieder. Eine andere Arbeit zeigt einen jungen Maler mit typisch beschatteter Augenpartie und breitem, weichem Künstlerhut (WVZ 25). Dann begegnet uns das Bild eines festlich gewandeten Herrn, der durch seine Busennadel auffällt (WVZ 76). Das Bild muss in den 40er Jahren entstanden sein, zeigt es doch den Maler noch im fast vollen Besitz seines Haarschmuckes. In der Familie Schwingen war frühe Glatzenbildung verbreitet. Auf einem Foto aus den frühen fünfziger Jahren ist das auch bei dem Maler klar zu erkennen. Alle diese Bilder sind ohne großen dekorativen Aufwand als Brustbilder konzipiert. Lediglich das letzte Bild dieser Serie, wohl um 1863 entstanden, erinnert an die berühmten Innenraumporträts aus dem Wuppertal (WVZ 114). Wir sehen den Künstler und seine Frau im Atelier. Im Hintergrund eine Staffelei mit einem angefangenen Bild, eine Gitarre, ein Globus, an der Wand ein Gewehr. Eine Bilanz enttäuschter Hoffnungen. Die malerische Kraft scheint erschöpft, Reisen konnte Schwingen nie machen, die Lieder sind verstummt. An die glanzvollen Tage als Schützenkönig oder Mitglied der Düsseldorfer Bürgerwehr erinnert nur noch das Gewehr.

Die Darstellung von Menschen in typischen Situationen zeichnet die Genremalerei aus. Schwingen hat dieses Prinzip auch auf einen Teil seiner Porträts übertragen. Ob es sich bei dem Bild „Frau am Fenster” (WVZ 38), entstanden etwa 1837, bereits um das fertige Porträt oder erst um die Vorstudie zu einem solchen handelt, ist nicht bekannt. Dabei ist das eher großbürgerliche Umfeld zu betonen, das weder in der persönlichen Erinnerung des Malers anzutreffen, noch im Atelier zu rekonstruieren war. Wir können also von einem Auftragsbild ausgehen. Martina Gödecke-Behnke hebt als Neuheiten in diesem Bilde, die Schwingens Eigenständigkeit im Düsseldorfer Umfeld verdeutlichen, hervor: 1. Die nicht naturalistische Farbgebung mit dem intensiven Wechselspiel von Licht und Schatten. 2. Die Aufhebung des Bühnenraums, die Art der Raumeinsicht und die nach hinten gerückte Bildaussage. 3. Die spezifische Sichtweise des Individuums.125

Für eine Vorstudie spricht die eher impressionistische Ausführung, die im Gegensatz zur Gewohnheit Schwingens steht, alle Einzelheiten präzise auszumalen. Das Bild fällt schließlich auf durch die souveräne Verachtung der Lokalfarben und einen durchweg dominierenden duftigen Blau-Ton, wie immer bei Schwingen akzentuiert durch kleine Rotpunkte. Heute zählen wir es zum Besten, was die Düsseldorfer Porträtkunst dieser Zeit hervorgebracht hat. Mit seinem Licht durchfluteten Fenster und seiner andeutenden Malweise entspricht es den höchsten Kriterien für die Biedermeiermalerei. In der Anlage ist die Nähe zu den Bildern aus Elberfeld und Barmen unverkennbar.

Ein bäuerliches Pendant zu diesem Werk ist „Die Strickerin“ betitelt (WVZ 41). Hier sind allerdings die Genreelemente auf das absolut notwendige reduziert. Eine kahle, schadhafte Wand, darin ein eiserner Haken, ein grober hölzerner Tisch. Die strickende junge Frau ist dagegen mit einer festlichen bestickten Bluse unter einer übergezogenen Jacke bekleidet. Als Kopfschmuck trägt sie eine Mütze, dazu einen wärmenden Schal. Das Bild ist nur in einer schwarzweißen Fotografie überliefert. Die Struktur der Darstellung lässt aber deutliche farbige Akzente vermuten. Wahrscheinlich handelt es sich auch hier um ein für uns leider anonymes Porträt.

Die Akademie-Stadt Düsseldorf war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts alles andere als eine Weltstadt, geschweige denn „der Schreibtisch des Reviers“. Aber, und das war auch für die Entwicklung der Akademie wichtig, nicht weit entfernt lagen Zentren der wirtschaftlichen Entwicklung, darunter Aachen und die Doppelstädte Elberfeld und Barmen. Die Unternehmer des Wuppertals hatten schon früh ein starkes Interesse an Kunst und Kultur gezeigt und damit den allgemeinen Ruf der Gegend als eines „Muckertals“ Lügen gestraft. Als 1829 der „Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen“ gegründet wurde, war die Mitgliedschaft für die Barmer und Elberfelder Honoratioren eine Prestigefrage. 1836 war Heinrich Christoph Kolbe gestorben, der viele Fabrikanten und ihre Familien aus dem Wuppertal gemalt hatte. Schwingen übernahm seine Rolle. Einzelheiten sind wieder einmal unbekannt. Immerhin könnte die Mitgliedschaft fast aller der von Schwingen porträtierten Unternehmer im „Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen” ein Hinweis sein. Auch C. F. Sohn, der über Beziehungen ins Tal verfügte, könnte mitgewirkt haben. In der Satzung der Kunstakademie war ausdrücklich vermerkt, dass der Lehrer in der ersten Klasse, also jetzt Schadow, den ausübenden Eleven auch Aufträge vermitteln solle, die an die Akademie herangetragen würden.126 Wahrscheinlich verließ Schwingen wegen dieser Aufträge im Wuppertal die Akademie und ging nach „auswärts“. Schließlich war er jetzt Familienvater und hatte Frau und Kind zu ernähren.

Zurück nach oben


Peter de Weerth und seine Familie

Die ersten Aufträge aus Elberfeld kamen von einem Manne, der in der Stadt eine prominente Stellung einnahm und außerdem, wie die meisten Kaufleute des Tals, Gründungsmitglied des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen gewesen war. Die Beteiligung der Elberfelder und Barmer Kaufleute war nach einer Schilderung von Johann Wilhelm Schirmer infolge einer speziellen Werbeaktion des Sekretärs des Düsseldorfer Regierungspräsidenten und ersten Sekretärs des Kunstvereins, Dr. Fallenstein, so reichlich ausgefallen.127 Der Rentner Peter de Weerth besaß nicht weniger als hundert Aktien und war damit an der Spitze der Engagements. Die anderen prominenten Elberfelder Kaufleute und Fabrikanten lagen, mit Ausnahme von Johann Friedrich Wülfing mit 75 Aktien, bei höchstens fünfzig Aktien.128 Peter de Weerth129 war schon damals der reichste Mann Elberfelds. Sein Vater war Werner de Weerth, seine Mutter, Charlotte von Carnap war bei Peters Geburt gestorben. Der Vater heiratete dann in zweiter Ehe Susanne Maria Siebel, die Peter eine liebevolle Stiefmutter gewesen sein soll. Peter de Weerth erhielt eine gediegene Ausbildung wie sie für die Söhne der führenden Elberfelder Familien üblich war. Auch Grundkenntnisse des Latein gehörten dazu. Wichtiger aber war die Praxis, die er in Frankfurt und dann im väterlichen Geschäft kennen lernte, das schon bald als „Werner de Weerth & Sohn“ firmierte. Aus der Familie seiner Mutter, den von Carnaps, kam Peter früh zu einem beachtlichen Vermögen und war schon mit 34 Jahren Millionär 1796 heiratete Peter de Weerth Gertrud Wülfing. Zunächst wohnten die De Weerths am Hofkamp bei dem Schwiegervater Johann Jakob Wülfing, später in ihrem eigenen großen Haus in der Schwanenstraße. Als der ebenfalls hoch begüterte Schwiegervater 1802 starb, gab Peter de Weerth die eigene Firma auf, um die Firma „Anton Wülfing sel. Erben“ weiterzuführen. Das Vermögen des Johann Jakob Wülfing, der in der ganzen Provinz allein 1 1/2 Million Taler als Darlehen vergeben hatte und einen ausgedehnten Grundbesitz – oft in den napoleonischen Säkularisationen erworben – sein eigen nannte, wurde von De Weerth gemeinsam mit seinem Schwager Johann Friedrich Wülfing verwaltet. Geschäftsbeziehungen und Familienbeziehungen fielen – wie oft im Wuppertal dieser Zeit – zusammen. Davon sollte dann auch der Maler Peter Schwingen profitieren.

Aus der Ehe mit Gertrud Wülfing gingen drei Söhne und zwei Töchter hervor. Gertrud starb schon 1829 im Alter von 55 Jahren. In den Jahren 1837 und 1838 entstanden das berühmte Bild des verwitweten Pater Familias und mehrere Bilder seiner Kinder und Schwiegerkinder.

Zunächst sind anscheinend die Bilder der Kinder und ihrer Ehepartner entstanden. Die Porträts von Friedrich August de Weerth (WVZ 30) und seiner Frau (WVZ 31) tragen auf der Rückseite die Bezeichnung „gemalt im Herbst 1837 von Peter Schwingen zu Düsseldorf“130. August de Weerth, geboren am 30. August 1804, war der älteste Sohn des „alten“ Peter und mit Eleonore Mathilde Fauth, geboren am 8. Juni 1809 in Bergisch-Gladbach, verheiratet. Sie waren also 33 bzw. 28 Jahre alt, als Schwingen sie malte. Die kleinen Bildchen im fast quadratischen Format von H 33 x B 32 cm erinnern an ähnlich kleinformatige Werke Schwingens aus dem Familienkreis (Bildnis des Schwagers Josef Schmitz (WVZ 6) und Bildnis der ersten Ehefrau Magdalene Philippine Schwingen geb. Schmitz (WVZ 7, 36, 37 usw.). Sie waren natürlich alles andere als repräsentativ und so wurde das Ehepaar später noch einmal im Stil von Carl Ferdinand Sohn und in einem für den Salon geeigneten Format porträtiert. August de Weerth war so reich, dass er als Beruf Rentner, d. h. normalerweise Verwalter seines eigenen Vermögens, angab. Er war 1851/52 Stadtverordneter in Elberfeld, Mitglied der ersten preußischen Kammer und Inhaber des Roten-Adler-Ordens 4. Klasse. August de Weerth starb am 30. April 1879 in Elberfeld. Seine Frau war bereits wesentlich früher, am 31. Mai 1864 verstorben. Dr. Wilhelm de Weerth, ein Enkel des Peter de Weerth, erinnerte sich, dass von den Kinder-Ehepaaren des Peter de Weerth je ein Brustbild gemalt worden sei, anscheinend alle von Peter Schwingen, da Wilhelm de Weerth dazu keine Bemerkungen macht.131 Dr. Artur Wichelhaus 132 besitze ein weiteres Bild. Wo die anderen stecken, sei ihm unbekannt.

Tatsächlich befinden sich zwei weitere Bilder dieses Typs noch heute im Privatbesitz der Familie Wichelhaus. Sie zeigen Benjamin Friedrich Wichelhaus (WVZ 32), den Schwiegersohn, mit Emilie Elisabeth de Weerth (WVZ 33), der 1810 geborenen Tochter von Peter de Weerth. Auch diese Bilder tragen den oben bereits genannten Vermerk, das Format ist identisch. In dem zweiten, anscheinend älteren Vermerk zum Bildnis der Emilie Elisabeth heißt es allerdings genauer, dass es im November 1837 gemalt worden sei, womit dann der vermutlich erste Elberfeld-Aufenthalt Schwingens auf die Zeit nach seiner Heirat zu datieren ist. Benjamin Friedrich Wichelhaus war Bankier in Elberfeld und Sohn des Gründers der Bank Johann Peter Wichelhaus. Sein Sohn Robert sen. (1836-1886) und sein Enkel Robert jun. (1863-1943) setzten die Banktradition fort, wobei allerdings 1931 die Aufgabe der Selbständigkeit der Bank und eine Verbindung mit der Deutschen Bank geboten erschien. Die Söhne Hans und Eginhard Wichelhaus starben durch die beiden Weltkriege, der jüngste Sohn Günther wurde Pfarrer und über ihn wurden die Bildnisse Schwingens überliefert.

Von den Geburtsjahren her gerechnet lag Ernst Eugen de Weerth (1807-1867) zwischen Friedrich August und Emilie Elisabeth. Er war in erster Ehe mit Marie Konstanze Peill (1810-1840) verheiratet. Von dieser früh verstorbenen ersten Frau des Ernst Eugen ist das Foto eines Gemäldes überliefert, das nach der Art der Darstellung von Peter Schwingen sein könnte (WVZ 132).133 Das Original war leider bisher nicht zu finden. Ebenso wenig das Pendant mit dem Porträt des Ernst Eugen. Aus dieser Familie hat sich allerdings ein anderes Schwingen-Bild erhalten, das die Kinder von Ernst Eugen de Weerth aus zweiter Ehe darstellt (WVZ 115).

Auch Werner de Weerth war ein Jahr vor seiner Schwester Emilie Elisabeth geboren worden. Er heiratete allerdings erst 1847 die wesentlich jüngere Anna Goldfuß (18261900) aus Bonn, Tochter eines Geologen der Universität. Beide wurden von Carl Rudolf Sohn, dem Sohn des Düsseldorfer Professors Carl Ferdinand Sohn, gemalt.

Bliebe schließlich das Ehepaar Bernhardine Juliane de Weerth (1813-1860) und Wilhelm von Eynern (1806-1880). Wilhelm von Eynern war der älteste der beiden Söhne von Johann Wilhelm von Eynern und seiner Frau Johanna Katharina Rittershaus, die von Schwingen in dem bekannten Gemälde „Die Familie von Eynern“ gemalt wurden. Gemälde des Ehepaares Bernhardine Juliane und Wilhelm von Eynern, gemalt von Schwingen, sind aber nicht überliefert. Dass Beziehungen auch zu dieser Barmer Familie bestanden, und vermutlich über die Verwandtschaftsbeziehungen zustande kamen, beweist das Familienbild. Die dort abgebildete Nanette von Eynern war die ältere Schwester des Wilhelm von Eynern, dem Schwiegersohn von Peter de Weerth.

Zurück nach oben


Des Geschäftsmannes Mußestunde

Mehr oder weniger gleichzeitig mit den Bildern der Kinder-Ehepaare entstand ein Gemälde, das im Gegensatz zu diesen vergessenen Kleinporträts in die Kunstgeschichte eingehen sollte: Das Gemälde „Des Geschäftsmannes Mußestunde“, ein Porträt des Familienpatrons Peter de Weerth (WVZ 42). Dieser Auftrag stellte eine besondere Herausforderung dar. Peter de Weerth war bereits in einem hervorragenden Bild von Heinrich Christoph Kolbe gemalt worden. Schwingen stand vor der Frage, dieses Bild zu kopieren oder eine völlig andere Lösung zu versuchen. Er wählte einen Mittelweg: Er verband Porträt und Genrebild, zwei Fachrichtungen der Malerei in denen er zuhause war. Peter de Weerth wurde in Anlehnung an Kolbe in seinem Stuhl sitzend in der persönlichen Umgebung seines Hauses in der Schwanenstraße dargestellt. Ein Fenster erlaubt den Durchblick auf ein anderes bergisches Haus mit Schiefer und grünen Schlagladen. Im Zimmer selbst zahlreiche Andeutungen. An der Wand ein Kalender mit dem Jahr 1838, eine Reitgerte, eine Karte von Spanien, auf dem Tisch die Elberfelder Zeitung und Korrespondenz, auf einem der Briefe ist die Anschrift „Peter de Weerth Elberfeld“ deutlich zu erkennen. Der „müßige“ Kaufmann hat die Bearbeitung der Post unterbrochen und zu einem Buch gegriffen, dessen Titel leider nicht zu entziffern ist; kein Geschäftsbuch jedenfalls. Die Füße des schon älteren Herrn sind gut gewärmt auf einem Teppich unter dem Tisch placiert, wo auch der Futternapf für den Hund zu finden ist, der sich am Studium der Literatur zu beteiligen scheint. Auf dem Tisch weiterhin Schreibutensilien, eine Kerze und zwei Folianten. Andere Bücher, wohl geschäftlicher Art, stehen auf der Erde, anscheinend an einen Schrank angelehnt. All das deutet an, dass auch der Geschäftsmann geistige Kost nicht verabscheute, dass aber die Sorge um die Geschäfte ihn nie verließ. Dass die Geschäfte des Peter de Weerth im Wesentlichen in der Verwaltung seines umfangreichen Grundbesitzes bestanden, änderte daran wohl nichts. Walter Holzhausen betonte 1964 in einem Vortrag vor dem Bergischen Geschichtsverein „Schwingens Blick, die Persönlichkeit in ihrem Bereich zu erfassen, die Einheit von Mensch und Raum als unauflösliche Lebenseinheit.“ 134

Walter Cohen schrieb schon 1932: „Was Peter Schwingen uns bietet, ist eine bewusst bürgerliche Interieurkunst, die wohl unbewusst, in ganz modernem Gewande auf die beste Überlieferung der holländischen Raumporträts des 17. Jahrhunderts zurückgeht. .... Für Düsseldorf bietet das Bild auch dadurch etwas ganz Neues, dass durch das halbverhängte Fenster ein Ausblick gegeben wird, der in wahrhaft kühner Freilichtmalerei die lebhaften Farben eines grauen bergischen Schieferhauses mit dem Grün der Fensterläden wiedergibt. Das eindringende Licht wird von der großen hellen Landkarte an der Wand reflektiert und erhellt den ausdrucksvollen markanten Kopf des alten Herrn im dunklen Tuchanzuge. Mit unendlicher Liebe, aber ohne jede Kläubelei ist alles Beiwerk gemalt.... Bildnis und Genrebild verfließen hier in eins, aber die Grenzen verwischen sich nicht; alles Anekdotische ist vermieden und die außerordentliche Frische und Feinheit des Malerischen heben dieses bedeutende Werk über alles hinaus, was damals in der Blütezeit einer schon recht verwässerten Romantik in Düsseldorf geschaffen wurde.“135

Zurück nach oben


Gertrud de Weerth (WVZ 69)

Die später (1843) von Schwingen porträtierte Frau von Peter de Weerth war Gertrud Wülfing, die Schwester von Johann Friedrich Wülfing, dessen Porträt an das von Peter de Weerth erinnert und dem Maler den zweiten Großauftrag aus dem Tal einbrachte. Auch bei Gertrud de Weerth hat Schwingen die Szene in die Wohnung des Ehepaares verlegt. Das Zimmer ist allerdings nicht das Arbeitszimmer wie bei Peter, sondern ein Wohnzimmer, in dem Gertrud mit einem Strickzeug an einem Ausziehtisch sitzt, beleuchtet aus dem Fenster rechts im Bild. Gertrud sieht nach links und, wenn man so will, ist das die Richtung, in der sie bei richtiger Placierung der Bilder ihren Mann erblicken kann und vice versa. So jedenfalls hingen später auch die Bilder im Hause der Marion von Stein geborene de Weerth in Köln. Im Hintergrund eine Schrank-Kommode, auf der eine Empire-Pendüle und eine Glocke zum Herbeirufen des Hauspersonals dezent den Wohlstand andeuten und zwei Kamelienstöcke für etwas Verzierung und das bei Schwingen obligatorische Rot sorgen. Auf dem Schrank auch ein Buch, dessen Inhalt aber verschwiegen wird. Der Rücken steht zur Wand. Das Zimmer ist mit einer Blumentapete, einer grünbraun gestrichenen Täfelung und einem glänzenden Fußboden ausgestattet, der ebenfalls grün gestrichen zu sein scheint. Auf dem Boden unter dem Tisch ein Fußbänkchen. Da Gertrud de Weerth zum Zeitpunkt des Entstehens des Bildes bereits lange verstorben war, griff Schwingen auch diesmal auf ein Gemälde Kolbes zurück, dem er die Gesichtszüge der Verstorbenen entnahm. Obwohl das Bild notwendiger Weise als „gestellt“ bezeichnet werden muss, ist doch anzunehmen, dass die Ausstattung des Zimmers – wie bei allen anderen Schwingen-Bildern dieser Art – der Originalmöblierung im Hause de Weerth entspricht. So stellen die Bilder auch wichtige Dokumente für die Wohnungen der führenden Kaufleute des Tals im 18. Jahrhundert und Anfang des 19. Jahrhunderts dar. Gediegen und durchaus anspruchsvoll, aber nicht zu aufwändig, so wird man sie charakterisieren können.

Walter Cohen schrieb: „ ... nichts in diesem kleinen Meisterwerk deutet darauf hin, dass es nicht nach dem Leben geschaffen sei. Das ist besonders der für Düsseldorf erstaunlich kühnen Behandlung des Lichts zu danken: alles ist wie von sonnigem Tageslicht durchtränkt.“136 Zitieren wir ebenfalls noch einmal Walter Holzhausen aus seinem Vortrag 1964: „Im Eingehen auf die Einzelheiten wird die künstlerische Weisheit des Malers vernehmbar. Porträt des Menschen, Porträt des Raumes, unlösbar ineinander verschmolzen, erwecken den Eindruck einer Atmosphäre gediegener Kultur und vermitteln ein neues Lebensgefühl: selbstsicheres Behagen.“ 137

Die Arbeiten Schwingens waren übrigens nicht die ersten Bilder, die an die Gemälde Kolbes anknüpften. Schon 1831 schuf Gustav Adolf Köttgen im Auftrage von Peter de Weerth Brustbilder von Peter de Weerth und seiner Frau Gertrud in Anlehnung an die Kolbe-Porträts. Der Vergleich dieser durchaus guten Porträts mit dem, was Peter Schwingen sieben Jahre später aus einem ähnlichen Auftrag machte, zeigt seine besondere Leistung.

Zurück nach oben


Acht mal das Bildnis Johann Friedrich Wülfing

Auch das etwa 1840 entstandene Bildnis des Johann Friedrich Wülfing (WVZ 56-63) ist ein Dokument. Johann Friedrich Wülfing (1780-1842) war mit Johanna Maria Christa Siebel (1786-1859), einer jüngeren Schwester des in Bad Godesberg begrabenen Dichters und Freimaurers Gerhard Siebel (1784-1831), verheiratet. Er war wie sein Schwager, der auch sein Vormund gewesen war, Millionär und Großgrundbesitzer, Garn- und Tuchhändler und hatte eine Türkischrot-Färberei. Wie sein Schwager war er mit seiner Frau bereits von Heinrich Christoph Kolbe gemalt worden. Schwingen wählt für sein Porträt das bewährte Verfahren. Wieder wird durch ein Fenster ein anderes bergisches Haus sichtbar. Natürlich sind die Einrichtung des Zimmers und die Utensilien dem Porträtierten angepasst. Sie waren identisch mit der Originalmöblierung in Hause Wülfing. So befinden sich z. B. die klassizistische Kommode rechts im Bild und die darauf stehende Pendüle noch heute im Familienbesitz. Auch Arbeitstisch und Brille haben sich erhalten. Im Übrigen ist die Einrichtung fast spartanisch. Auf und in einem Wandschränkchen allerlei Kleinfiguren (Bibelots), vielleicht einige aus Meissener Porzellan, und eine Cotta-Klassikerausgabe in Leder gebunden. Ein Hund nebst Hundefutter auch hier. An der Wand sorgt diesmal ein bestickter Glockenzug dafür, dass der reiche Mann nicht ohne Bedienstete bleiben muss. Ein Sofakissen mit Petit-Point-Stickerei und das rote Futter des aufgeschlagenen Hausmantels mit Samt- oder Pelzkragen liefern das rote Element. Das Fenster ist mit einem gepolsterten „Kältefeind“ ausgestattet, was ausweist, das auch damals die Fenster der Bergischen Häuser, da keine Doppelfenster, im Winter einfach nicht dicht zu kriegen waren. Der Vorhang mit einer Bordüre und auf beiden Seiten durch Messingschmucknägel gehalten, weist wieder auf Wohlstand. Oberhalb der Kommode ein Spiegel, der die gegenüberliegende Zimmerwand mit einem Türausschnitt erkennen lässt. Am Türbalken ist eine blaue Mütze aufgehängt, wie sie die Elberfelder Weber trugen. Gegen die Fußkälte soll diesmal keine Fußbank sondern ein grün-roter Teppich mit einem Weinrankenmuster helfen.

Nach dem Tode von Wülfing erhielt Schwingen den Auftrag, so viele Fassungen des Bildes eigenhändig zu wiederholen, dass jedes der lebenden acht Kinder der Familie eine erhalten konnte.